Zeitschrift für Inklusion

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Editorial

 

Liebe Leserinnen und Leser, wir freuen uns, Ihnen nunmehr die Ausgabe 4/2011 der Zeitschrift Inklusion Online präsentieren zu können. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt diesmal auf Aspekten des Strukturwandels, der mit inklusiven Entwicklungen verbunden ist - oder zumindest sein sollte, möchte man sich nicht mit plakativ-kosmetischen Korrekturen zufriedengeben, die die Bezeichnung Inklusion im Sinne der UN-BRK kaum verdienen. Die Beiträge, die zum Teil den Blick auch über den nationalen Tellerrand hinaus richten, ohne internationale Entwicklungen dabei zu idealisieren, kommen überwiegend zu einem kritischen, bisweilen sogar ernüchternden Ergebnis.

Herbert Altrichter und Ewald Feyerer stellen sich die Frage, welche Steuerungsmaßnahmen in Österreich gesetzt werden könnten, um eine Weiterentwicklung zu einem inklusiven Schulsystem gemäß den Zielen der UN-Konvention von 2006 zu erreichen. Dazu werden zuerst die Governance-Perspektive und deren Herangehensweise an Fragen der Steuerung beschrieben sowie das Potential der UN-Konvention analysiert. Zum Abschluss wird aufbauend auf die bisherigen Entwicklungen der momentane Stand der Diskussion zur Umsetzung der UN-Konvention in Österreich analysiert und die Chancen und Gefahren verschiedener Maßnahmen aus Governance-Perspektive dargestellt.

Der Beitrag von Matthias Rürup analysiert unter Rückgriff auf die Governance-Perspektive die Akteurs- und Positionsvielfalt bezüglich des politischen Anliegens inklusiver Bildung. Er zeigt dabei viele Konfliktpotentiale auf, die sich im Zusammenhang mit der Abkehr vom traditionellen deutschen Sonderschulwesen ergeben. Auch wenn es manchmal so erscheint, als ob sonderpädagogische Strukturen unhinterfragt von ihm übernommen würden, argumentiert der Autor aber nicht mit diesen, sondern verweist auf faktisch vorhandene sonderpädagogische Position und wie diese im Diskurs um die politische Umsetzung eingesetzt werden. Dabei geht er auf die Bereiche Diagnostik, Ressourcenverteilung, Nachteilsausgleich sowie die im Vergleich zum Regelschulwesen besondere Bedeutung privater Schulträger und der Eltern ein. Insgesamt zeigt seine Analyse, dass die vorliegenden Entwurfspapiere der KMK und einzelner Bundesländer ein der beschränkten Steuerungsfähigkeit geschuldeter Kompromiss zwischen verschiedenen Akteuren bzw. Akteurspositionen im Bildungswesen ist.

Johannes Schädler und Carmen Dorrance fassen das Konzept, die Methode sowie ausgewählte Forschungsergebnisse des europäischen Projektes pathways to inclusion (P2i) zur inklusiven Bildung und Erziehung von Menschen mit Behinderungen zusammen. Das Projekt wurde von der EU Kommission finanziert und von der europäischen Schirmorganisation European Association Of Service Providers For Persons With Disabilities (EASPD) koordiniert. Um auf europäischer Vergleichsebene einen Überblick über die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die Praxis und die aktuellen Entwicklungen bezüglich inklusiver Bildung und Erziehung zu erhalten, wurde eigens ein Forschungsinstrument (Barometer of Inclusive Education) entwickelt und in 10 EU-Ländern angewandt. Die Kriterien für das Barometer wurden von Artikel 24 UN-BRK abgeleitet. Die Methode folgt der Idee der Open Method of Coordination und basiert auf einer Einschätzung bestimmter Kriterien durch Expert/-innen. Der Beitrag stellt ausgewählte Ergebnisse dieser Einschätzungen vor.

Der Beitrag von Thomas Franzkowiak befasst sich mit der Entwicklung und aktuellen Situation des Gemeinsamen Unterrichts auf regionaler Ebene, exemplarisch aufgezeigt an der Schullandschaft des Kreises Olpe, dem kleinsten Landkreis in Nordrhein-Westfalen. Aus der Sicht eines Sonderpädagogen mit langjähriger Unterrichtserfahrung an Grund- und Förderschulen werden Stolpersteine auf dem Weg zur Inklusion beschrieben sowie Möglichkeiten zur Gestaltung von Veränderungsprozessen in der Region aufgezeigt.

Zwei Beiträge dieser Ausgabe befassen sich vergleichend mit aktuellen Entwicklungen im Schwedischen Bildungssystem. Karin Paulsson, Göran Nygren, Jelena Lübbeke und Reinhard Lelgemann berichten von einem empirischen Forschungsprojekt zur aktuellen Situation körperbehinderter Schülerinnen und Schüler in Schweden, das im Rahmen eines Forschungsprojektes des Landschaftsverbands Rheinland zu den Gelingensbedingungen schulischer Inklusion für körper- und mehrfachbehinderter Schüler rezipiert wurde. Der Ansatz, die reale Situation in Schweden - also die Herausforderungen, die die UN-BRK auch in einem Land mit weitgehenderen Integrationserfahrungen wie sie in Deutschland vorliegen - zum Thema zu machen, führt zu einem differenzierten Einblick in die Verhältnisse und den Stand der Diskussion in Schweden. Die empirischen Befunde der dargestellten Untersuchungen weisen auf Widersprüchlichkeiten, suboptimale Umsetzungen und Grenzen der Integrationspraxis in Schweden vor dem Hintergrund einer anvisierten inklusiven Gesellschaftsentwicklung hin. Mögliche Schlussfolgerungen aus diesen Einsichten für die Diskussion in Deutschland deutet der Beitrag am Ende an.

Der Beitrag von Thomas Barow führt die kritischen Überlegungen über Sinn und Unsinn wertender internationaler Systemvergleiche am Beispiel des Innen- und Außenblicks auf den Stand und die Entwicklungen inklusiver Bildung in Schweden fort. Dabei versucht der Autor, die Blickrichtung von einem normativ-wertenden Vergleichsinteresse, hin zu einer kritischen Analyse des in Deutschland dominierenden Vergleichsdiskurses selbst zu verschieben. Die in Deutschland häufig zu beobachtende Inthronisation schwedischer Verhältnisse als unhinterfragtes Vorbild kontrastiert dabei auffällig mit der internen Selbstwahrnehmung und -einschätzung innergesellschaftlicher Prozesse inklusiver Entwicklung in Schweden. Thomas Barows Analyse erfolgt auf der Basis der Rezeption quantitativer und qualitativer schwedischer Untersuchungen.

Clemens Dannenbeck macht in seinem Beitrag darauf aufmerksam, dass Strukturwandel im Sinne von Inklusion nicht an den Eingangstüren von Schulen oder anderen Bildungseinrichtungen im engeren Sinne haltmachen darf. Inklusion stellt ebenso eine Herausforderung für Kultureinrichtungen wie z.B. Museen und Theater dar. Das bedeutet nicht nur verstärkte Anstrengungen um mehr Barrierefreiheit oder um die Entwicklung spezifischer Nutzungsangebote für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen. Art 30 (Teilhabe am kulturellen Leben sowie Erholung, Freizeit und Sport) der UN-BRK stellt das Recht von Menschen mit Behinderungen, gleichberechtigt mit allen Menschen am kulturellen Leben teilnehmen zu können und diese Teilhabe sicher gestellt zu wissen, in einen menschenrechtlichen Begründungszusammenhang. Inklusion in diesem Sinne anzustreben, ist seit der Ratifizierung der UN-Konvention durch die Bundesrepublik Deutschland unhintergehbarer (gesellschafts)politischer Auftrag. Der Weg zur Verwirklichung voller kultureller Teilhabe ist dabei noch weit.

Hans Wocken ist mit zwei Beiträgen an dieser Aufgabe beteiligt. In einer teilweise bitteren und nicht frei von Polemik vollzogenen Zwischenbilanz stellt er den im Zuge des Umsetzungsprozesses der UN-BRK erfolgten Reaktionen und Maßnahmen im Bereich der deutschen Bildungspolitik ein überwiegend schlechtes Zeugnis aus. Er beobachtet eine bewusste zunehmende Entkernung des menschenrechtlichen Grundanliegens der Behindertenrechtskonvention und rekonstruiert diese bedenkliche Entwcklung in 14 politstrategischen Schritten.

Dass diese analytische Bestandsaufnahme nicht das Ziel hat, sich in fatalistischer Resignation einzurichten, sondern im Gegenteil, für die Substanz des Inklusionsgedankens im Sinne der menschenrechtlichen Bedeutung der UN-BRK gerade in der Schuldebatte weiter zu kämpfen, macht Hans Wocken in seinem Beitrag "Rettet die Sonderschulen? Rettet die Menschenrechte!" deutlich, der in der Rubrik kontrovers erscheint. Der Beitrag ist eine Replik auf Positionen, die von Bernd Ahrbeck und Rainer Winkel in verschiedenen überregionalen Tageszeitungen und aktuellen Veröffentlichungen in jüngster Vergangenheit bezogen wurden. Wockens Appell zu einem differenzierten Diskurs über Dekategorisierung mündet nicht zuletzt in eine Ermutigung für alle Eltern, die neue gesetzliche Ausgangsbedingung offensiv und selbstbewusst zu nutzen und das Recht auf Inklusion im Sinne voller gesellschaftlicher Teilhabe am Bildungssystem für sich und die eigenen Kinder einzuklagen.

Als Themenschwerpunkte der folgenden Ausgaben sind geplant:

1/2012 Inklusion und Didaktik

2/2012 Zum Begriff der Inklusion

 

Carmen Dorrance und Clemens Dannenbeck
für die Redaktion von Inklusion-Online

 
Veröffentlicht: 2012-01-29
 

Nr. 4 (2011)

Inhaltsverzeichnis

Beiträge

Herbert Altrichter Ewald Feyerer

Auf dem Weg zu einem inklusiven Schulsystem?

Matthias Rürup Rürup

Inklusive Bildung als Reformherausforderung. Zur Perspektive der Educational Governance Forschung

Johannes Schädler Carmen Dorrance

Barometer of Inclusive Education – Konzept, methodisches Vorgehen und Zusammenfassung der Forschungsergebnisse ausgewählter europäischer Länder

Thomas Franzkowiak

Schulische Inklusion im Kreis Olpe – Unsinnig, unmöglich, unbezahlbar? Versuch einer persönlichen Zwischenbilanz

Karin Paulsson Göran Nygren Jelena Lübbeke Reinhard Lelgemann

Zur aktuellen Situation körperbehinderter Schülerinnen und Schüler in Schweden

Thomas Barow

Vorbild oder Zerrbild? Außen und Innenperspektive auf inklusive Bildung in Schweden

Clemens Dannenbeck

Theater mit dem Museum - Inklusion und kulturelle Teilhabe

Hans Wocken

Über die Entkernung der Behindertenrechtskonvention Ein deutsches Trauerspiel in 14 Akten, mit einem Vorspiel und einem Abgesang

Kontrovers

Hans Wocken

Rettet die Sonderschulen? - Rettet die Menschenrechte! Ein Appell zu einem differenzierten Diskurs über Dekategorisierung