Liebe Leserinnen und Leser!
Wir freuen uns, Ihnen die Ausgabe 2/2010 der Zeitschrift Inklusion Online zu präsentieren. Diese Ausgabe ist dem Themenschwerpunkt „Internationale Perspektiven auf Inklusion“ gewidmet.
Wir hoffen, dass es uns gelungen ist, eine interessante Mischung von Beiträgen zusammen zu stellen. Einige Beiträge geben einen gerafften Überblick über die Entwicklung in einzelnen Ländern wie Italien, Schottland und Ungarn beziehungsweise zu ganzen Regionen wie Skandinavien im Speziellen und Europa im Allgemeinen. Andere Beiträge betreiben vertiefte Analysen zur Situation und Entwicklung in den Ländern Norwegen und Kanada.
So zeigt Cor Meijer – Direktor der European Agency for Development in Special Needs Education – allgemeine Trends auf, bilanziert erreichte Fortschritte und verweist auch auf bestehende Herausforderungen auf dem Weg zu inklusiver Bildung und Erziehung in Europa. Er berichtet unter anderem von dem europaweiten Trend, Sonderschulen zu sogenannten „resource center“ – im Deutschen ist eher der Begriff des Kompetenzzentrums geläufig – weiter zu entwickeln. Er diskutiert zudem Fragen der Finanzierung beziehungsweise der Ressourcensteuerung sonderpädagogischer Unterstützung, die sich häufig als Problem auf dem Weg zur Inklusion erweist, und er gibt Hinweise auf best-practice-Modelle der konkreten Gestaltung der Unterrichtspraxis vor Ort.
Alois Bürli stellt in seinem Beitrag die „Gretchenfrage“ Wie hast du’s, Europa, mit der Integration Behinderter? Er bezieht sich hier vor allem auf die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten. Am Beispiel der Integration – er verzichtet bewusst darauf an dieser Stelle von Inklusion zu sprechen – könne man sehr gut ablesen, ob sich die Europäische Union darauf beschränkt, einen gemeinsamen Wirtschaftsraum zu schaffen oder ob es ihr gelingt, auch die soziale Dimension der Gemeinschaftsbildung zu berücksichtigen. Auf der Basis der eingehenden Analyse politisch-rechtlicher Normen und Richtlinien, von Programmen, Maßnahmepakten und auch von Absichtserklärungen stellt Bürli fest, dass in der Behindertenpolitik eine bemerkenswerte Aktivität seitens der EU und ihrer Mitgliedsstaaten vorzufinden sei. Diese sei geeignet, nicht nur die Lebenslage von Menschen mit Behinderung zu verbessern, sondern trage auch das Potenzial in sich, gleichsam identitätsstiftend zur Profilierung eines gemeinsamen Europas beizutragen.
Inklusive Bildung in den nordischen Ländern im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen beschreibt Brigitte Schumann. Sie stellt gemeinsame Merkmale der Schulsysteme Finnlands, Norwegens und Schwedens dar und macht deutlich, wie viel in diesen Ländern auf dem Weg zur Inklusion bereits erreicht ist, dass aber auch hier hintergründig wieder Tendenzen zur Separation zu beobachten seien. Schumann stellt dies in den Kontext gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen, die sich als zunehmende Individualisierung und Verlust der Gemeinwohlorientierung beschreiben lassen. Diese zeige sich – vor allem in Schweden – an dem Trend zur Gründung von immer mehr Privatschulen, die eindeutige Exklusionstendenzen mit sich bringen.
Kari Nes vertieft diese Überlegungen im Hinblick auf das norwegische Bildungssystem und stellt die besorgte Frage: The first decade of the 21st century: A Backlash for Inclusion in Norwegian Schools? Zwar sind die norwegischen Verhältnisse kaum mit der deutschen Situation vergleichbar: der Anteil der Schüler/innen in Sondereinrichtungen liegt bei 0,4%, in Deutschland sind es laut der jüngster KMK-Statistik 4,9%. Gleichwohl stellt man in Norwegen fest, dass der Anteil der Schüler/-innen, die zwar in Regelschulen, dort aber die meiste Zeit in Sondergruppen unterrichtet werden, sich in den letzten vier Jahren fast verdoppelt hat. Kari Nes diskutiert dies wie Schumann vor dem Hintergrund gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen in Norwegen. Konkret bezieht sie sich zudem auf die Folgen der bildungspolitischen Maßnahmen, die als Reaktion auf die für Norwegen enttäuschenden PISA-Ergebnisse getroffen wurden.
Die Situation eines weiteren nordischen Landes beleuchten Louise Hayward and George MacBride in Inclusion in Scotland: “We're a' Jock Tamson's Bairns". Sie greifen damit eine in Schottland gebräuchliche Redeweise auf, die vielleicht am ehesten mit „Wir sind alle Gottes Kinder“ zu übersetzen wäre und die auf einen Grundzug der schottischen Mentalität verweist, nämlich ein grundsätzlich egalitäres Menschenbild. Dies stelle, so die beiden Autor/-innen, eine günstige Voraussetzung für die Entwicklung hin zu einer inklusiven Gesellschaft dar. Sie beschreiben, welchen Beitrag das Schulsystem hierzu leisten kann, wohl wissend, dass die tiefgreifende soziale und ökonomische Ungleichheit in der schottischen Gesellschaft durch Bildung alleine nicht überwunden werden kann. Dies könne, wenn überhaupt, nur im Zusammenspiel von Bildungs-, Wirtschafts-, Sozial- und Gesundheitspolitik gelingen.
Aus Italien, einem Land mit über 30 Jahren integrativer Bildung und Erziehung, berichtet Rosa Anna Ferdigg. Auf der Basis dieser langjährigen Erfahrungen erörtert sie die notwendigen Rahmenbedingungen für das Gelingen inklusiver Bildung und illustriert dies am Beispiel Südtirols. Sie geht hier auf Fragen ein, die derzeit wohl überall auf der Welt diskutiert werden: so zum Beispiel die Regelung der Anspruchsberechtigung für besondere Unterstützungsleistungen und die damit zusammenhängende Problematik der Diagnostik auf der einen und der Stigmatisierung auf der anderen Seite. Darüber hinaus beschreibt sie die in Italien resp. Südtirol zur Verfügung stehenden Ressourcen sowie die Organisation des Unterstützungssystems und der begleitenden Fachdienste.
Große Fortschritte in Richtung inklusiver Bildung berichtet Maria Rethy aus Ungarn. In ihrem Überblick stellt sie die konzeptuellen Grundlagen dar, gibt die historische Entwicklung wieder und referiert eine Reihe statistischer Daten zum Ausbau integrativer Bildungsangebote in Ungarn.
Neben Norwegen und Italien kann Kanada zu den Ländern gezählt werden, die sich weltweit dem Ideal eines inklusiven Schulsystems am meisten genähert haben. Der Beitrag von Carla DiGiorgio von der University of Prince Edward Island untersucht vor diesem Hintergrund die Praxis inklusiver Bildung am Beispiel einer frankophonen Schule im englischsprachigen kanadischen Bundesstaat Nova Scotia. Sie bedient sich dabei des theoretischen Bezugsrahmens der Soziologie Pierre Bourdieus, der es ihr erlaubt, Fragen der Macht, der Machtausübung, der Identität und der Identitätsbildung im sozialen Feld einer inklusiven Schule zu untersuchen – einer Schule, in der sich verschiedene Differenzlinien (u.a. sprachlich-kulturelle Zugehörigkeit, sonderpädagogischer Förderbedarf, Geschlecht) mehr oder weniger deutlich überlagern. Sie berichtet Befunde, die Anlass zu intensiver Diskussion und weiteren empirischen Untersuchungen geben. So stellt sie resummierend fest, dass sich Bourdieus These in ihrer Fallstudie eindrucksvoll bestätigt findet, wonach der Schulerfolg von Kindern – und eben auch der inklusiven Beschulung – in hohem Maße von der Übereinstimmung des Habitus von Schule und Elternhaus abhänge. Dies berge gleichermaßen Inklusionschancen wie Exklusionsrisiken.
Den Themenschwerpunkt „UN-Konvention zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderung“ unserer Ausgabe 2/2009 vervollständigend stellt Valentin Aichele die Aufgaben und die Arbeitsweise der deutschen Monitoringstelle – dem Institut für Menschenrechte in Berlin – dar.
In der Rubrik Netzwerke veröffentlichen wir das Forderungspapier der Initiative Inklusion Österreich mit dem Titel „Inklusive Bildung: Gesetzlich verankern – Qualität sichern – weiterentwickeln“. Die Initiative ersucht um aktive Unterstützung des Forderungspapiers. Daher liegt auch eine Unterschriftenliste bei. Eventuelle Anfragen oder Rückmeldungen an Ewald Feyerer.
Ausblick auf die Themenschwerpunkte der kommenden Ausgaben:
Aufgrund des breiten Interesses am Thema „Internationale Perspektiven“ werden wir diesen Themenschwerpunkt in den nächsten Ausgaben mit weiteren Beiträgen zu Kanada sowie zu den beiden afrikanischen Staaten Burkina Faso und Malawi fortsetzen.