Thomas Barow: Globale Konferenz über inklusive Bildung in Salamanca

Erstveröffentlicht in der Zeitschrift für Heilpädagogik.

Die Wahl des Tagungsortes besaß Symbolkraft. Unter dem Motto „Return to Salamanca: Confronting the Gap: Rights, Rhetoric, Reality?“ fand im Oktober 2009 die „Global Conference on Inclusive Education“ in Salamanca (Spanien) statt. Fünfzehn Jahre nach Beschluss der Unesco-Salamanca-Deklaration von 1994 sollte eine Einschätzung über die Fortschritte inklusiver Bildung vorgenommen werden. Ausgerichtet wurde die Konferenz gemeinsam von Inclusion International und INICO, dem Institut für Integration der Universität Salamanca. Der Einladung waren rund 400 Teilnehmer aus 57 Ländern gefolgt; vertreten waren Selbsthilfe- und Elternverbände ebenso wie Regierungs- und  Nichtregierungsorganisationen sowie Schulpraktiker und Wissenschaftler.
Bildung als die Grundlage sozialer Integration ist für Kinder mit Behinderungen noch immer keine Selbstverständlichkeit. Nach Schätzungen der Unesco besuchen weltweit 77 Millionen Kinder keine Schule, davon weisen mindestens 25 Millionen eine Behinderung auf. Nur rund fünf Prozent aller behinderten Kinder beenden die Schule mit einem Abschluss. Diese ernüchternden Zahlen sind der Veröffentlichung „Better Education for All: When We’re Included Too. A Global report“ entnommen (Bezug: info@inclusion-international.org). Der Bericht wurde auf der Konferenz in Salamanca präsentiert und bildete eine Grundlage der dortigen Diskussionen. In der Publikation, die auch auf Spanisch erschien, werden Tendenzen der Bemühungen um Inklusion insbesondere im Hinblick auf Menschen mit geistiger Behinderung („intellectual disability“) aufgezeigt. Die Kanadierin Diane Richler, Präsidentin von Inclusion International, betont in dem Rapport eine zunehmende Unterstützung inklusiver Bildung „auf allen Ebenen“, sieht aber zugleich die begrenzten Erfolge bei der praktischen Umsetzung. Richler verweist auf bestehende Hindernisse, z.B. fehlende politische Zielführung, den Mangel an Unterstützung und Ressourcen, Vorurteile der Öffentlichkeit und unzureichende Vernetzung beteiligter Institutionen. Als Chance begreift sie wie viele andere Fachleute die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006, vor allem den Artikel 24 über Bildungsfragen.
Allerdings bleibt nicht nur in Deutschland die Frage offen, wie die UN-Konvention in nationales Recht umgesetzt wird und welche konkreten Auswirkungen sich daraus ergeben. Deutlich wurde dies nicht zuletzt in den Ausführungen der beiden deutschen Referenten, der schleswig-holsteinischen Bildungsministerin a.D. Ute Erdsiek-Rave (SPD) und des Frankfurter Sonderpädagogikprofessors Dieter Katzenbach. Erdsiek-Rave, in deren Bundesland die Integrationsquote für deutsche Verhältnisse bei weit überdurchschnittlichen 45 Prozent liegt, verspricht sich durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit eine zunehmende Akzeptanz und Stärkung inklusiver Bildung. Angesichts des jüngst erfolgten Regierungswechsels in Schleswig-Holstein erscheint es jedoch unsicher, ob dieses bildungspolitische Ziel zukünftig mit gleicher Intensität verfolgt wird. Katzenbach wies in seinem Vortrag auf die Widersprüche zwischen gegliedertem Schulsystem und Inklusion hin, wobei er insbesondere die starke Kopplung des Schulerfolgs an die soziale Herkunft betonte.
Aus fachlicher Perspektive waren viele der in Salamanca dargestellten Sachverhalte bereits bekannt. Unter wissenschaftlichem Gesichtspunkt ist die Frage zu stellen, ob der Verzicht der Veranstalter auf ein „Call for papers“ eine vertiefende Auseinandersetzung nicht geradezu verhindert hat. Eine Reflektion über die Möglichkeiten und Grenzen international-vergleichender (Sonder-)Pädagogik fand kaum statt. Insbesondere der Kernbegriff „Inklusion“ blieb zum Teil vage, die Abgrenzung zur „Integration“ unpräzise. Auch wurden die Ergebnisse empirischer Forschung zu Fragen inklusiver Bildung nicht in ausreichendem Maße diskutiert, Fragen der Qualität von Unterricht blieben auf der Strecke.
Die Bedeutung der Konferenz in Salamanca lag eher auf der Ebene des gegenseitigen Austauschs und der internationalen Solidarität. So fühlte sich nach der Veranstaltung z.B. eine tschechische Teilnehmerin „ermutigt“ ihre Arbeit fortzusetzen. Hier hat sich unter den Bedingungen der Globalisierung eine neue soziale Bewegung formiert, die hochpolitisch, dabei jedoch parteipolitisch weitgehend ungebunden ist. Die notwendige Triebkraft bilden die Eltern der Betroffenen, die – betrachtet man die Geschichte der Sonderpädagogik – von den professionellen Helfern allzu oft bevormundet wurden. Eine Dynamik ergibt sich angesichts der Unterstützung inklusiver Bildung durch internationale Organisationen wie Unicef und Unesco. Dies wurde nicht zuletzt durch die aktive Teilnahme des costa-ricanischen UN-Sonderberichterstatters Vernor Muñoz unterstrichen, der in seinem Vortrag einmal mehr das „Menschenrecht“ auf Bildung in einer inklusiven Schule einforderte und die neoliberalistische „Logik“ der Exklusion kritisierte.
Ob allerdings eine von den Konferenzteilnehmern verabschiedete Resolution (vgl. http://www.inclusion-international.org/en/extras/4.html) nennenswerte Wirkung entfalten wird, ist angesichts der Wiederholung bekannter Standpunkte zu bezweifeln. Mit großem Interesse ist hingegen dem für Juni 2010 in Berlin anberaumten Weltkongress von Inclusion International entgegenzusehen. Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in nationales Recht wird dann wiederum einer der Themenschwerpunkte sein.