Norbert Schulz: Kinder, die einfach anders sind. Neue Helden in der Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart

Abstract:
Die Faszination an Büchern lässt sich bei Kindern oft nur dann herstellen, wenn es den Leserinnen und Lesern möglich ist, eine emotionale Beziehung zum Helden der Geschichte herzustellen. Der Beitrag geht der Frage nach, ob und in welcher Form dies möglich wird, wenn die Helden der Geschichten Kinder mit Behinderung sind. Es werden exemplarisch literarische Beispiele der problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur vorgestellt, die behinderte Helden in verschiedener Art und Weise präsentieren. Dabei wird deutlich, dass die Qualität der Beispiele bezogen auf das oben benannte Problem sehr unterschiedlich ist. Am Ende des Artikels wird mit dem Buch "Rico, Oskar und die Tieferschatten" von Andreas Steinhöfel ein literarisches Beispiel präsentiert, das zeigt, dass eine solche Thematisierung sehr gut möglich ist.

 

Stichworte: Kinder mit Behinderungen in der Literatur, Literatur als Beitrag zu Inklusion

Inhaltsverzeichnis

  1. Einführung
  2. Distanz durch uneingeschränkte Offenheit
  3. Harmonisierung durch Bagatellisierung der Probleme
  4. Spannung als künstlerisches Mittel
  5. Faszination durch den behinderten Helden des Buches
  6. Resümee
  7. Literatur

 

1. Einführung

Es gehört zu den schönsten Erinnerungen vieler Menschen an ihre Kindheit, wenn sie daran denken, wie sie tief versunken ein Kinderbuch gelesen haben, meist zurückgezogen an Orten, die ihnen Intimität und Ruhe versprachen. Auch wenn neue Studien zur Lesesozialisation und zum Leseverhalten gezeigt haben, dass sich vielen Kindern dieser emotionale Zugang zu Büchern nie erschließt, zeigen die Zahlen auch, dass die Anzahl potentieller Vielleser sogar gestiegen ist (Kutteroff u.a. 2010). Auch heute lassen sich Kinder also von Büchern fesseln, sie versinken in ihnen und sind bestrebt, dieses Erlebnis so oft wie möglich zu wiederholen.
Immer wieder diskutieren Literaturwissenschaftler und Didaktiker darüber, worin die Gründe dafür liegen, dass eine solch intensive emotionale Annäherung an Bücher möglich wird. Die gefundenen Antworten sind vielfältig und nicht einheitlich. Aber einig sind sich die verschiedenen Wissenschaftler darüber, dass ein wichtiger Grund für die Faszination eines Buches im zentralen Helden des Buches begründet ist (vgl. Kümmerling-Maibauer 1999). Oftmals lädt dieser Held die Leser und die Leserinnen dazu ein, sich mit ihm zu identifizieren. Dies geht so weit, dass im Sinne eines Flow-Effektes die Leserinnen und Leser sich an die Stelle des Helden setzen und damit quasi selbst die Abenteuer des Buches erleben (vgl. Fritz/Fehr; Schulz 2003; Schulz 2005 u.a.). Die Helden veränderten sich natürlich in den jeweiligen Zeiten. So sollten sich im 19. Jahrhundert geschlechterspezifisch getrennt die Jungen eher mit den Helden von Abenteuerbüchern identifizieren. Hier waren vor allem Helden wie Old Shatterhand, Winnetou, Robinson Crusoe oder Peter Pan interessant. Für die Mädchen boten sich die Heldinnen der sogenannten Mädchenbücher an, ich denke hier zum Beispiel an literarische Figuren wie Ilse Mackert, Heidi oder Hanni und Nanni. So wie sich der Anspruch an und die Funktion von Kinderliteratur veränderten, so veränderten sich auch die Helden dieser Literatur. Aber trotzdem identifizieren sich die Kinder auch heute noch mit ihnen. Jetzt sind dies literarische Figuren wie Harry Potter, Momo oder Lady Punk. Und natürlich gibt es auch literarische Helden, die über alle Zeiten für Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene interessant geblieben sind.
Schaut man sich diese Helden genauer an, so sind diese zumeist mit Eigenschaften ausgestattet, die sie aus der Menge der anderen Menschen herausheben. Diese Helden sind meist mutig, unerschrocken und zielgerichtet, gleichzeitig einfühlsam und verletzlich. Sie entwickeln sich zum Positiven, indem sie sich in schwierigen Situationen nicht nur behaupten, sondern diese für sich positiv entscheiden. Dabei setzen sie sich selbstlos für andere ein. Kurz und gut, sie vereinen meist alle positiven Eigenschaften. Auch wenn die Heldinnen und Helden moderner Literatur wesentlich differenzierter gestaltet sind, ist dies in der Tendenz auch hier spürbar.
Dabei kann man beobachten, dass die Helden der Kinder- und Jugendliteratur in vielen Fällen genau so gestaltet sind, wie sie die erwachsenen Autorinnen und Autoren für die Kinder wünschen. Kinderliteratur wird fast ausnahmelos als eine Möglichkeit gesehen, um den Kindern eine zensierte Welt vorzuführen, die zumeist auch ein Schonraum sein soll.
Nun hat sich seit den 70er Jahren eine Richtung in der Kinder- und Jugendliteratur herausgebildet, die ganz bewusst mit anderen Prinzipien operiert. Sie wird – in der Sekundärliteratur nicht ganz einheitlich – meist als sogenannte problemorientierte Kinder- und Jugendliteratur bezeichnet (vgl. EWERS 1995). Die Autorinnen und Autoren dieser Literatur haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Kindern in ihren Büchern die Welt so zu zeigen, wie sie tatsächlich ist. Sie begreifen ganz ausdrücklich Kinderliteratur nicht als Schonraum, sondern als Möglichkeit, den Kindern die Welt in all ihren Widersprüchen und Problemen zu zeigen. Dabei sehen sie die Kinder als gleichberechtigte Partner an, die ein Recht darauf haben, Informationen uneingeschränkt und ohne die vorherige Zensur durch die Erwachsenen zu erhalten. Diese neue Orientierung der Autorinnen und Autoren führte dazu, dass völlig neue Themen Einzug in die Kinderliteratur fanden. Oft waren dies Themen, die bis dahin tabuisiert waren, wie Generationskonflikte, Armut, Tod, Gewalt, sexueller Missbrauch – die Liste ließe sich noch deutlich erweitern. Nichts war in der Kinderliteratur plötzlich unmöglich geworden.
In diesem Zusammenhang wurde auch das Thema der Behinderung  zentral in Kinderbüchern eingeführt. Menschen mit Behinderung traten auch vorher in Werken der Kinderliteratur auf. Allerdings waren sie nie zentrales Thema, oder die betroffenen Protagonisten erfuhren eine wundersame Heilung. Die Autoren problemorientierter Literatur wagten und wagen es nun erstmalig, Kinder mit Behinderungen als zentrale Helden in den Büchern agieren zu lassen. Aus dieser Besonderheit ergibt sich die zentrale Frage dieses Beitrags. Es liegt auf der Hand, dass die literarischen Helden, die durch eine Behinderung betroffen sind, nicht mehr in bisher gewohnter Weise gestaltet werden können. Zumindest sind viele der Eigenschaften, die bisher zur Faszination bei Lesern geführt haben, durch die Behinderung determiniert. Sind diese Helden nun trotzdem noch in der Lage, zu so einer Faszination bei den Leserinnen und Lesern zu führen, wie ich am Anfang des Beitrags ausgeführt hatte? Oder noch deutlicher gefragt: Laden auch diese Helden die Leserinnen und Leser zur Identifikation ein?
Es liegt natürlich auf der Hand, dass diese Fragen nicht einfach mit ja oder nein beantwortet werden können. Die Autorinnen und Autoren problemorientierter Kinderliteratur äußerten sich bisher nie zu diesem Problem, scheinen es aber zu spüren. Zumindest begegnen sie dem Problem auf verschiedene Art und Weise. An dieser Stelle können natürlich nicht alle Bücher dieser Thematik in den Blick genommen werden. Es sollen aber exemplarische Beispiele ausgewählt werden, die den verschiedenhaften gelungenen oder auch missglückten Umgang mit diesem Problem demonstrieren.

2. Distanz durch uneingeschränkte Offenheit

Gerade in der frühen Entstehungszeit der problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur Ende der 60er bis Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts waren die Autorinnen und Autoren um uneingeschränkte Offenheit bemüht. Ohne Schonung sollte die problematische Welt so gezeigt werden, wie sie tatsächlich ist. Dies trifft auch auf die Darstellung von Behinderung zu. Exemplarisches Bespiel ist hier das preisgekrönte Buch „Das war der Hirbel“ von Peter Härtling aus dem Jahre 1973. Im Zentrum des Buches steht der geistig behinderte Hirbel. Man erfährt nur wenig über die Gründe und die Art seiner Behinderung, nur, dass etwas bei seiner Geburt schiefgegangen ist. Schonungslos wird im Buch der Weg des etwa 10jährigen Hirbels durch verschiedene Kinderheime und Kliniken vorgeführt. Nie ist dies zum Wohle des Jungen, sondern immer nur den jeweils existierenden Möglichkeiten geschuldet. Natürlich passt Hirbel nie in die Regelhaftigkeit der ohnehin kritikwürdigen Heimerziehung seiner Zeit. Es gibt nur ganz wenige Personen im Buch, zu denen Hirbel eine positive Beziehung aufbauen kann. Die Hoffnung, dass sich durch die positive Zuwendung einer Heimerzieherin und des betreuenden Arztes etwas zum Guten wenden kann, wird durch die erneute Verlegung in ein neues Heim zerstört. Am Ende des Buches bleibt der Leser oder die Leserin im Ungewissen zur Zukunft des Jungen. Nach den bis dahin vorgeführten Erfahrungen Hirbels ist allerdings wenig Raum für Hoffnung.
Ohne Zweifel hat sich Härtling mit diesem Buch große Verdienste erworben. Als einer der Ersten stellte er einen Jungen mit Behinderung ins Zentrum eines Kinderbuches. Dabei versuchte er sogar einen Blick in das Innere des Jungen, wenn er an mehreren Stellen des Buches in die personale Erzählsituation wechselt. Die ungeschminkte Darstellung der Lebenswelt des Jungen erlaubt einen interessanten Blick in die Welt der Heimerziehung und auch der Art des Umgangs mit Behinderung in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Nicht zuletzt deswegen wird dieses Buch bis heute häufig im Deutschunterricht der Grundschule gelesen und diskutiert.
Allerdings hat dieses Buch mit einem Problem zu kämpfen, das ganz typisch für die frühe problemorientierte Kinder- und Jugendliteratur ist. Die ungeschminkte Darstellung der Wirklichkeit hat oft nicht dazu geführt, dass Kinder ohne Initiation der Erwachsenen diese Bücher lesen. Die Gründe dafür liegen auf verschiedenen Ebenen und können hier nicht umfassend ausgeführt werden. Ganz sicher ist aber einer der Gründe dafür auch, dass die spezifische Darstellung im Buch es eigentlich unmöglich macht, eine emotionale Bindung zu Hirbel aufzubauen. Quasi von außen beobachten der Leser und die Leserin die ausweglose Entwicklung des Jungen. Außer Mitleid zu Hirbel oder vielleicht Wut auf die Verhältnisse kann sich keine echte emotionale Beziehung zum Helden des Buches entwickeln. Damit nimmt man automatisch eine Haltung zum Buch ein, die man eher bei Sachbüchern vermuten würde. Das Lesen des Buches belohnt deshalb zwar durch einen Zuwachs an Wissen, andere wichtige Funktionen von Lektüre wie Unterhaltung und Genuss werden von diesem Buch nicht automatisch erfüllt. Es ist deshalb nicht automatisch zu erwarten, dass Kinder freiwillig nach diesem Buch greifen.

3. Harmonisierung durch Bagatellisierung der Probleme

Einen ganz anderen Weg geht Max von der Grün in seinem 1976 erschienenen Buch „Vorstadtkrokodile“. Im Zentrum des Buches steht eine Gruppe von 10- 14 jährigen Jugendlichen, die sich zur Bande der Vorstadtkrokodile zusammengeschlossen hat. Will man Mitglied dieser Gruppe werden, muss man einen Muttest bestehen. Das Buch beginnt damit, dass die Leserinnen und Leser den Muttest des zehnjährigen Hannes beobachten können. Nach Aufnahme in die Gruppe bemerkt Hannes, dass ein körperbehinderter Junge in seine Nachbarschaft gezogen ist. Kurt ist seit dem dritten Lebensjahr querschnittsgelähmt und deshalb an den Rollstuhl gefesselt. Hannes freundet sich mit dem Jungen an und entwickelte die Idee, dass Kurt in die Gruppe der Vorstadtkrokodile aufgenommen werden könnte. Nach anfänglichen Schwierigkeiten wird Kurt nicht nur akzeptiert, sondern er übernimmt auch eine führende Rolle bei der Aufklärung einer Straftat, die die Gruppe beobachtet hat. Deshalb muss Kurt den obligatorischen Muttest nicht bestehen. Er hat es wegen anderer Eigenheiten geschafft, die Gruppe zu überzeugen.
Auch hier ist es wieder ein Junge mit Behinderung, der als Figur in die Handlung eingeführt wird. Dieser durchaus als positiv zu wertende Aspekt relativiert sich allerdings ein wenig, wenn man die Form der Integration in die Gruppe genauer betrachtet. Es ist durchaus so, dass diese Integration nicht ohne Probleme verläuft. Allerdings werden alle diese Probleme mit einer solchen Leichtigkeit von der Gruppe akzeptiert und gelöst, dass sie deshalb als nicht real erscheinen. Keines der Probleme ist so groß, dass es nicht bewältigt werden kann. Aus diesem Grunde treten sie in den Hintergrund. Vordergründig lesen die Kinder dieses Buch deshalb als eine Detektivgeschichte. Es ist durchaus möglich, dass die literarische Figur Kurt für Kinder interessant erscheint. Sie wird es aber vor allen Dingen, weil Kurt sich in der Detektivhandlung bewähren kann. Probleme der Behinderung treten zwangsläufig in den Hintergrund. Dieser Aspekt ist nicht grundsätzlich als negativ zu werten, die Bagatellisierung der Probleme lassen die Handlung allerdings genau auf die uns interessierende Frage hin als nicht real erscheinen. Kurt wird deshalb ein literarischer Held, der sich nicht zur Identifikation anbietet, weil die Kinder den Mangel an Realismus bemerken müssen.
Man kann also konstatieren, dass beide bisher besprochenen literarischen Beispiele auf die uns interessierende Frage hin als problematisch eingeschätzt werden müssen. Allerdings muss man relativierend anführen, dass beide Bücher in einer sehr frühen Phase der Entwicklung der problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur entstanden sind. Das Problem der fehlenden Akzeptanz dieser Bücher der problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur durch Kinder trifft auf fast alle Beispiele zu, die Ende der 60er bis Mitte der 70er Jahre entstanden sind. Die Autorinnen und Autoren reagierten allerdings sehr schnell auf diese Probleme. Man kann schon in den frühen achtziger Jahren beobachten, dass sich die Autorinnen und Autoren bemühten, die Bücher mit populären literarischen Elementen zu kombinieren, um sie dadurch für die kindlichen Rezipienten interessanter zu machen. Dabei nahm man keinerlei Abstriche an der Konsequenz der Darstellung vorhandener Probleme hin. Man kombinierte aber diese schwierigen Inhalte beispielsweise mit humoristischen Elementen. Zusätzliche Spannungsbögen wurden konzipiert. Und man findet in diesen Büchern literarische Helden, die eher zur Identifikation einluden. Dies trifft auch auf Bücher zu, in denen zentrale Helden mit Behinderungen agieren. Im Folgenden soll dies an zwei literarischen Beispielen demonstriert werden.

4. Spannung als künstlerisches Mittel

Das erste interessante literarische Beispiel ist das 2007 erschienene Buch „BIG“ der niederländischen Autorin Mireille Geus. Mit diesem Buch hat Mireille Geus ihr zweites Werk vorgelegt. Mit ihrem ersten Buch „Virenzo und ich“ hat die 1964 in Amsterdam geborene Autorin 2005 den begehrten niederländischen Jugendbuchpreis gewonnen. Für „BIG“ erhielt sie den „Goldenen Griffel 2006“. Die Autorin erzählt in einer sehr interessanten Erzählstruktur. Wir erfahren die Handlung aus der Perspektive der Hauptfigur, und zwar ein Jahr rückblickend. Durch diesen zeitlichen Abstand ist klar, dass die Erzählerin Lizzy ein Abenteuer erlebt hat, dass schwierig für sie war, dass aber am Ende für sie noch glücklich endete. Lizzy erzählt dies im Vernehmungszimmer der Polizei. Dadurch gewinnt die Handlung noch einmal zusätzlich an Authentizität. Durch diese Erzählperspektive erfährt der Leser viel über die Hauptfigur, ohne dass sie eigentlich im Buch genau beschrieben wird. Lizzy sagt selbst von sich, dass sie die Welt langsamer erfasst als andere Kinder. Wenn Dinge zu schnell passieren, dann wird ihr schwindlig. Deshalb nennen die Kinder sie auch Dizzy. Am Beginn der Handlung hat sie sich damit abgefunden, die Welt von außen zu beobachten, ohne aktiv teilzunehmen. Ihr Stammplatz ist neben einer Laterne in ihrer Straße. Die anderen Kinder in der Straße nehmen sie meist nicht zur Kenntnis, manchmal ärgern sie Lizzy.
Doch plötzlich taucht BIG auf. Man erfährt nur sehr wenig von dem Mädchen. BIG zeigt plötzlich Interesse an Lizzy, und das Leben wird für Lizzy interessanter. Die Leserinnen und Leser erfahren dies nur durch die Aktionen, die die beiden Mädchen miteinander unternehmen. Von Anfang an ist durch geschickte Andeutungen ein ungutes Gefühl BIG gegenüber angelegt, ohne dass man dies genauer begründen könnte. So entwickelt sich eine hochbrisant aufgeladene Figurenkonstellation, die der Leser aus der verlangsamten Perspektive von Lizzy aufnimmt. Am Anfang verbessern sich viele Dinge für Lizzy, und sie greift auch öfter selbst gestaltend in ihr Leben ein. Als dann BIG Lizzy als Legitimation dafür benutzt, um ihre Gewaltphantasien an drei Jungen aus der Straße auszuleben, kann sich Lizzy des Einflusses des dominanten Mädchens kaum noch entziehen. Der Schluss wirkt dann wie eine Befreiung, auch für den Leser.
Es gibt durchaus einige – allerdings wenige - Kinderbücher, die uns die Welt aus der Perspektive eines Kindes mit einer geistigen Behinderung zeigen. Interessant ist hier allerdings die Tatsache, dass die geistige Behinderung an keiner Stelle explizit thematisiert ist oder für die Rezipienten erklärt wird. Man kann nur die Symptome beobachten. Dies allein wäre lähmend. Allerdings zeigt Mireille Geus in den Handlungsmomenten, wie Lizzy mit diesen Handicaps umgeht. Und plötzlich werden alle diese Dinge fast selbstverständlich und wirken nicht mehr bedrohlich. Es gibt auch durchaus einige Konsequenzen der Behinderung von Lizzy, die sie als fast positiv einstuft. So ist ihr zum Beispiel lange nicht klar, ob sie sich darüber freuen soll, dass sie die Rolle der Beobachterin aufgeben und aktiv durch die Beeinflussung von BIG eingreifen soll. Das Buch kann dadurch eine wichtige Hilfe dabei leisten, dass Kinder solche Erscheinungen bei anderen objektiver und gerechter beurteilen.
Und es bleibt eine Sympathie mit der Hauptfigur, die auch dauerhaft wirken kann. Sympathisch wirkt sie vor allen Dingen deshalb, weil die Leserinnen und die Leser die Handlung aus der Perspektive von Lizzy erfahren. Deshalb werden manche Konsequenzen ihrer Behinderung wesentlich nachvollziehbarer. Oft erklärt Lizzy dies auch selbst. Aber nicht nur das. An mehreren Stellen können die Leserinnen und Leser auch miterleben, wie sie selbst versucht, ihre Situation zu verbessern. Ein Beispiel ist hier die Episode, als sie selbst versucht, das Fangen von Bällen zu erlernen. Oft wurde sie von anderen Kindern in der Straße verspottet, weil sie die für andere leichte Übung nicht beherrscht. Durch den engen Kontakt zur Sportlehrerin an ihrer Förderschule entschließt sie sich, diese für sie schwierige Übung täglich zu trainieren. Und tatsächlich schafft sie es eines Tages. Durch das Miterleben dieses Prozesses wird ein wesentlich größeres Verständnis für die Probleme Lizzies durch die Leserinnen und Leser erreicht. Der Autorin gelingt es so, mit Lizzy eine Figur zu schaffen, die äußerst vielschichtig angelegt ist. Dies bedeutet nicht automatisch, dass sich die Leserinnen und Leser mit dieser Figur identifizieren. Aber dies bedeutet, dass zumindest ein Verständnis für die Situation des Mädchens entwickelt wird. Dadurch wird es möglich, eine positive emotionale Beziehung zu Lizzy aufzubauen. Das Buch ist aber noch aus anderen Gründen lesenswert. Neben der oben schon erwähnten spezifischen Erzählperspektive ist dies vor allen Dingen ein fesselnder Spannungsbogen, der im gesamten Werk erhalten bleibt und sich erst am Ende löst. Aus all diesen Gründen ist zu vermuten, dass dieses Buch durchaus für Kinder lesenswert erscheint.

5. Faszination durch den behinderten Helden des Buches

Es gibt noch ein weiteres literarisches Beispiel, welches uns die anfangs gestellte Frage noch deutlich positiver beantworten lässt. Ich meine das Buch "Rico, Oskar und die Tieferschatten" von Andreas Steinhöfel.

Andreas Steinhöfel ist schon seit vielen Jahren ein renommierter Autor von Kinderliteratur. Darüber hinaus ist er Übersetzer, schreibt Drehbücher und arbeitet bei verschiedenen Zeitschriften als Rezensent von Kinderliteratur. Er erhielt so prominente Preise wie den Erich-Kästner-Preis, den Luchs oder den IBBY Honor-Award und wurde schon mehrfach für den Kinderliteraturpreis nominiert. Unvergessen sind seine Bücher „Paul Vier und die Schröders“ und „Der mechanische Prinz“. Auch das vorliegende Buch wurde schon 2008 mit dem Corine ausgezeichnet.
Typisch für die Bücher Steinhöfels ist ein besonderer erzählerischer Stil, der gleichzeitig sehr kompakt und kunstvoll, aber auch leicht und humorvoll ist. Dieser Stil prägt nun in besonderer Weise das Buch „Rico, Oskar und die Tieferschatten“.
Im Buch stecken eigentlich gleichzeitig drei Geschichten. Auf einer ersten Erzählebene zeichnet uns Steinhöfel ein sehr eindrucksvolles Bild von Rico. Dieses Bild ist auch deshalb so intensiv, weil Steinhöfel die Geschichte aus der Perspektive dieses Jungen erzählt. Rico ist anders als die anderen Kinder. Aus der Tatsache, dass er keine normale Schule, sondern ein Förderzentrum besucht, weiß der Leser, dass er eine Lernbehinderung, vielleicht sogar eine geistige Behinderung hat. Wir erfahren nicht das genaue Alter des Jungen und die exakte Art der Behinderung. Die Leserinnen und Leser erfahren aber von Rico selbst, was ihn behindert. Nach seiner eigenen Aussage denkt er eigentlich sehr viel, nur dass es bei ihm länger dauert als bei den meisten anderen Menschen. Im Verlaufe der Geschichte wird aber klar, dass dies deshalb nicht weniger ist. Und dann hat Rico noch bemerkt, dass aus seinem Gehirn manchmal ein paar Sachen rausfallen, die er dann nicht wiederfindet. Er empfindet dies immer wie Bingo-Kugeln, die sich in seinem Kopf bewegen und dort für Unruhe sorgen. Deshalb hat er zum Beispiel Angst, sich in der Stadt zu verlaufen. Und manchmal braucht er länger, um sich an eine Sache zu erinnern. Diese Handicaps werden aber so nachvollziehbar beschrieben, dass es kaum einen Leser oder eine Leserin geben wird, die ähnliches nicht auch bei sich selbst – wenn auch in anderer Intensität - beobachten können. Dazu kommt, dass sowohl Rico als auch seine Mutter sehr offen mit diesem Thema umgehen. Alle Bewohner des alten Mietshauses im Prenzlauer Berg, in dem Rico mit seiner Mutter lebt, sind über diese Eigenheit des Jungen informiert. Und Rico stellt sich auch jedem neuen Bekannten sofort vor, indem er sich als „tiefbegabt“ beschreibt.
Auf einer zweiten Erzählebene des Buches wird gezeigt, wie Rico am Beginn der großen Ferien einen Freund findet. Es ist von Anfang an eine sehr intensive, aber doch eigenwillige Freundschaft. Sie empfängt ihre Spannung vor allem aus einem riesigen Kontrast. Rico begegnet plötzlich und scheinbar zufällig Oskar. Oskar ist einige Jahre jünger und ganz offensichtlich hochbegabt. Er weiß ungeheuer viel und zögert auch nicht, alle Personen an diesem Wissen teilhaben zu lassen. Dies wird insbesondere beim Zusammentreffen mit Erwachsenen von diesen oft nicht geschätzt. Mit diesem riesigen Wissen ist er das ganze Gegenteil von Rico. Auf der anderen Seite ist Oskar aber sehr ängstlich. Dies äußerst sich zum Beispiel darin, dass er mitten im Sommer und als Fußgänger einen Motorradhelm trägt, weil die Welt – wie er sicher aus verschiedenen Statistiken weiß – äußerst gefährlich ist. So sind die Jungen also in mehrfacher Hinsicht sehr verschieden, und gerade aus diesem Unterschied heraus entwickelt sich eine Freundschaft.
Und da wird auf einer dritten Erzählebene eine spannende Kriminal- und Detektivgeschichte erzählt. In der Stadt hat seit einiger Zeit der Entführer „Mister 2000“ schon eine ganze Reihe von Kindern entführt und sie gegen die Summe von 2000 € wieder frei gelassen. Plötzlich wird auch Oskar entführt. Und Rico gelingt es fast ganz auf sich gestellt, den Kriminalfall zu lösen. Da aus der Perspektive Ricos erzählt wird, erfährt der Leser oder die Leserin immer genau so viel, wie Rico über den Fall weiß. Er oder sie kann deshalb mit kombinieren und den Fall fast zeitgleich lösen.
Die drei Erzählebenen sind meisterhaft miteinander verknüpft und bilden ein großes Ganzes. Dazu kommt der sehr leichte und oft humoristische Sprachstil Steinhöfels. Dieser Humor wird in der Ausgabe bei Carlsen durch sehr interessante Illustrationen von Peter Schössow unterstützt.
Steinhöfel ist mit der Gestaltung seines literarischen Helden Rico etwas ganz besonderes gelungen. Es gelingt ihm, in seinem Buch eine so spannende Handlung zu konstruieren, dass die Leserinnen und Leser fast ausschließlich mit der Lösung des Falls befasst sind. Während dieser spannenden Ermittlung hat der Leser oder die Leserin am Ende fast gar nicht mehr das Gefühl, dass Rico „tieferbegabt“ ist als andere. Dieser Eindruck entsteht allerdings nicht dadurch, dass die bestehenden Handicaps verharmlost werden, sondern durch die Betonung anderer Eigenschaften, die Rico als ganz besonderen Jungen zeigen. Steinhöfel konzentriert sich also ganz ausdrücklich nicht auf die Nachteile, die bei Rico durch seine Handicaps zu beobachten sind. Er konzentriert sich vielmehr darauf, die vielen anderen positiven Eigenheiten darzustellen, die Rico auch auszeichnen. Diese Eigenheiten helfen ihm auch dabei, mit seinen Handicaps umzugehen. Und nicht nur das, Rico besitzt auch einige Eigenheiten, die ihn im Vergleich mit anderen Kindern herausheben. Rico ist sehr beharrlich und er kann gut kombinieren. Dazu kommen viele Episoden, in denen es Rico gelingt, seine eigene Angst zu überwinden. Diese Angst resultiert oft aus den Handicaps, die Rico durchaus bewusst sind. Ich denke hier zum Beispiel an seine Angst davor, sich in der Stadt Berlin zu verlaufen, weil ihm die nötige Orientierung fehlt. An genau diesen Stellen sind die Benachteiligungen Ricos so angelegt, dass die Leserinnen und Leser sich selbst mit diesen Handicaps identifizieren können, denn wer hatte diese Probleme bei der Orientierung in großen Städten selbst noch nicht. Man kann also zusammenfassend feststellen, dass es Steinhöfel mit der Gestaltung seiner literarischen Figur des Rico durchaus gelungen ist, einen Helden mit Behinderung zu konzipieren, der gleichzeitig und trotzdem die Leserinnen und Leser zur Identifikation einlädt. Dies ist so in der Kinder und Jugendliteratur nicht oft zu beobachten.

6. Resümee

Kommen wir zur anfangs gestellten Frage zurück. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass es also durchaus möglich ist, literarische Helden mit Behinderungen zu gestalten, die die Kinder zur Identifikation einladen. Um dies erreichen zu können, müssen diese Bücher allerdings einige ganz spezifische Besonderheiten aufweisen. Sie sollten das Problem realistisch, aber trotzdem erträglich für den Leser und die Leserinnen darstellen. Dabei ist es wichtig, sich nicht nur an den Defiziten der betroffenen Hauptperson zu orientieren. Vielmehr sollte versucht werden, den Helden dadurch realistisch und anschaulich zu gestalten, dass nichts weggelassen wird, dass aber vor allen Dingen auch die besonderen Fähigkeiten und Leistungen der Hauptperson, die es immer geben wird, benannt werden. Und man sollte sich nicht darauf konzentrieren, ausschließlich die behinderte Hauptperson darzustellen. Es funktioniert wesentlich problemfreier, wenn sich diese Person in einer interessanten Handlung bewähren kann. Nur so wird es möglich, einen emotionalen Zugang zu neuen Helden herzustellen, eine wichtige Voraussetzung dafür, dass diese Bücher auch ihre Zielgruppe erreichen. Bücher, die alle diese Eigenheiten aufweisen, sind noch nicht häufig. Aber es lohnt sich, danach zu suchen. Und es gibt sie durchaus, wie das zuletzt beschriebene Buch eindrucksvoll zeigt.

7. Literatur

Ewers, Hans-Heino (1995): Veränderte kindliche Lebenswelten im Spiegel der Kinderliteratur der Gegenwart. In: Daubert, Hannelore & Ewers, Hans-Heino (Hrsg.), Veränderte Kindheit in der aktuellen Kinderliteratur. Braunschweig: Westermann, S. 35–48

Fritz, Jürgen/Fehr, Wolfgang (Hrsg.) (1997): Handbuch Medien: Computerspiele, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung/ Referat Medienpädagogik und Neue Medien

Kümmerling–Maibauer, Bettina (1999): Kinderklassiker – eine forschungsorientierte Einleitung. In: Kümmerling–Maibauer, Bettina (Hrsg.), Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Band 1. Stuttgart/ Weimar: Metzler, S. IX–XVIII

Kutteroff, Albrecht u.a. (Hrsg.) (2010): JIM 2010. Jugend, Information, (Multi-)Media. Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland, Stuttgart

Schulz, Norbert (2003): Spielen oder Lesen oder vielleicht spielend lesen? Kinder erleben Ronja Räubertochter am Computer. In: Grundschulunterricht, 49(9), S. 11–15

Schulz, Norbert (2005): Les-Arten. Leseanreize durch living books? In: Grundschulunterricht, 52(1), S. 18–24

 

Liste der Kinderbücher:

Barrie, James Matthew (1999): Peter Pan, Würzburg: Arena

Blyton, Enid (2003): Hanni und Nanni, Köln: Schneider

Chidolue, Dagmar (2012): Lady Punk, Weinheim: Beltz

Defoe, Daniel (2004): Robinson Crusoe, Erftstadt: Unipart

Ende, Michael (1973): Momo, Stuttgart: Thienemann

Geus, Mireille (2008): BIG,Stuttgart: Urachhaus

Härtling, Peter (2011): Das war der Hirbel, Weinheim: Beltz

May, Karl (2008): Winnetou, Bamberg/Radebeul: Karl-May-Verlag

Rowling, Joanne K. (2005): Harry Potter und der Stein der Weisen, Hamburg: Carlsen

Spyri, Johanna (2001): Heidi, Würzburg: Arena

Steinhöfel, Andreas (2011): Rico, Oskar und die Tieferschatten, Hamburg: Carlsen

Von der Grün, Max (2006): Vorstadtkrokodile, München: cbt-Verlag

Von Rhoden, Emmy (2004): Der Trotzkopf, Würzburg: Arena