Ungleich verortet: Regionale und migrationsbezogene Differenzen in der Diagnose von Lern- und Entwicklungsstörungen in NRW
Eine explorative Längsschnittanalyse auf Basis der Schulstatistik NRW
Schlagwörter:
Sonderpädagogischer Förderbedarf, Lern- und Entwicklungsstörungen, Regionale Bildungsungleichheit, Migration, ausländische Schüler*innen, SchulstatistikAbstract
Der Beitrag untersucht regionale und migrationsbezogene Unterschiede bei der Diagnose der sonderpädagogischen Förderbedarfe Lernen sowie Emotionale und soziale Entwicklung in Nordrhein-Westfalen (NRW) über einen Zeitraum von zehn Jahren (2012/13–2022/23). Aufbauend auf bisherigen Forschungsergebnissen zu stark variierenden Diagnosequoten zwischen Bundesländern und Kommunen sowie zur disproportionalen Betroffenheit bestimmter Schüler*innengruppen analysiert die Studie eine eigens beauftragte Sonderauswertung der amtlichen Schulstatistik NRW. Ziel ist es, sowohl langfristige Entwicklungstrends als auch regionale und gruppenspezifische Muster der Diagnostik zu identifizieren.
Die Ergebnisse zeigen erstens einen deutlichen Anstieg der Förderquoten in beiden sonderpädagogischen Förderbedarfen, wobei insbesondere die allgemeinbildenden Schulen – vor allem Hauptschulen – zu wichtigen Orten inklusiver Beschulung werden. Zweitens weist die Analyse auf eine zunehmende Persistenz der Diagnose hin: Während die Förderquoten 2012/13 über die Jahrgänge hinweg noch sanken, steigen sie bis 2022/23 an. Dies deutet auf eine verstärkte Stabilisierung einmal vergebener Diagnosen hin. Drittens offenbaren die Daten ausgeprägte regionale Unterschiede: Die Förderquoten variieren auf kommunaler Ebene erheblich und lassen keine pädagogisch plausiblen Erklärungen erkennen. Viertens zeigt sich eine deutliche migrationsbezogene Disparität: Schüler*innen ohne deutsche Staatsangehörigkeit haben ein nahezu doppelt so hohes Risiko, einen sonderpädagogischen Förderbedarf Lernen zu erhalten, während ihr Risiko für einen sonderpädagogischen Förderbedarf Emotionale und soziale Entwicklung geringer ist – jeweils mit starker regionaler Streuung.
Die Befunde legen nahe, dass Diagnosepraxen weniger individuelle Merkmale der Schüler*innen widerspiegeln, sondern vielmehr strukturelle Ungleichheiten und lokale Entscheidungskulturen zum Ausdruck bringen. Sie unterstreichen die Notwendigkeit einer systematischen bildungspolitischen Auseinandersetzung mit regional unterschiedlich ausgeprägten Klassifikationspraktiken.
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