Unterrichtsordnung statt Kooperation – Zur (Nicht-)Umsetzung kooperativen Lernens in inklusiven Settings
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Kooperatives Lernen, Inklusiver UnterrichtAbstract
Kooperatives Lernen (KL) gilt in der inklusiven Pädagogik als zentrale Methode zur Förderung kognitiver und sozialer Lernprozesse in heterogenen Lerngruppen. Gleichwohl zeigen bisherige Studien einen deutlichen research-practice-gap: Trotz positiver Effekte wird KL im schulischen Alltag selten systematisch umgesetzt. Die vorliegende qualitative Studie untersucht, wie Grundschullehrkräfte KL im inklusiven Unterricht einsetzen, welche Umsetzungshindernisse sie – insbesondere in Bezug auf unterschiedliche sonderpädagogische Förderschwerpunkte (SPF) – beschreiben und welche impliziten Orientierungen ihr Handeln leiten. Grundlage bilden leitfadengestützte Interviews mit zehn Lehrkräften inklusiver Grundschulklassen in Baden-Württemberg. Die Auswertung erfolgt in einer Methodentriangulation aus qualitativer Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2018) und dokumentarischer Methode nach Bohnsack (2021). Die Inhaltsanalyse zeigt, dass Lehrkräfte die Eignung von KL vor allem an defizitär gerahmten Schüler*innenmerkmalen festmachen und drei Gruppen konstruieren („geeignet“, „bedingt geeignet“, „nicht geeignet“). Besonders Schüler*innen mit SPF im Bereich emotionale und soziale Entwicklung sowie mit hoher Lernzieldifferenz werden als Hindernis für KL markiert, während strukturelle und didaktische Bedingungen in den Hintergrund treten. Die dokumentarische Rekonstruktion macht deutlich, dass die Sicherung unterrichtlicher Ordnung gegenüber kooperativen Lernprozessen priorisiert wird und (Nicht-)Teilnahme an KL an (meist implizite) Normerwartungen bezüglich Selbstständigkeit, Regelkonformität sowie Lernen und Verhalten gekoppelt ist. Schulische Herausforderungen werden somit individualisierend auf den SPF reduziert. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Umsetzung kooperativen Lernens – trotz der Eignung aus inklusionspädagogischer Perspektive – in Forschung und Praxis nicht als linearer Prozess verstanden, sondern mit der Bearbeitung von Differenz, normativen Ordnungsvorstellungen sowie Verantwortungszuschreibungen zusammengedacht werden muss.
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