Zeitschrift für Inklusion

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Editorial zum Heftthema Inklusion im internationalen Kontext

 

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, hiermit legen wir die Ausgabe 1/2016 von Inklusion-Online vor, der Online-Fachzeitschrift für Inklusion.

Wir blicken diesmal schwerpunktmäßig über den nationalen Tellerrand hinaus auf internationale Entwicklungen in Forschung und Praxis. Es fällt auf, dass in bildungspolitischen Diskussionen häufig auf subjektive, im Ausland gemachte Eindrücke zurückgegriffen wird. Auf einer solchen Erfahrungsbasis werden dann gerne Vergleiche angestellt und oft recht unmittelbar verallgemeinernde Rückschlüsse auf die inklusive Qualität ganzer Bildungssysteme gezogen. Gleichzeitig ist aber auch zu beobachten, dass der Kenntnisstand der internationalen Inklusionsforschung durchaus unterschiedlich und bisweilen sehr begrenzt ist. Nicht anders ist die Tatsache zu erklären, dass die Implementierung des permanenten Modellversuchs zur Erprobung im kleineren Maßstab als bildungspolitischer Königsweg zur Realisierung der UN-BRK, immer noch gängige Praxis ist. So heißt es beispielsweise im gerade veröffentlichten Band „Inklusives Schulsystem. Analysen, Befunde, Empfehlungen zum bayerischen Weg“[1], dessen Autoren den Wissenschaftlichen Beirat ‚Inklusion’ bilden, der seit 2010 vom Bayerischen Landtag einberufen wurde und beauftragt worden war, den Entwicklungsprozess hin zu inklusionsorientiertem Unterricht und zur inklusiven Schule in Bayern zu begleiten und zu beraten:

„Inklusive Schulentwicklung wird das bayerische Schulsystem weiter verändern. In diesem Bericht wurden von der Forschungsgruppe einige Empfehlungen erarbeitet, deren flächendeckende Umsetzung im Gesamtsystem Schule als komplexer Prozess gesehen und mit Augenmaß initiiert und durchgeführt werden muss. Für eine Erprobung von Elementen und deren Zusammenwirken empfehlen wir die Einrichtung von Modellregionen in Bayern, welche zunächst im kleineren Maßstab systemische Anpassungen vornehmen und deren konkrete Durchführung erproben“ (ebd. 150).

So vernünftig eine solche realpolitische Strategie der Behutsamkeit und des Augenmaßes mit Blick auf die gesellschaftliche Akzeptanz auch anmutet, wirft sie doch zugleich die Frage auf, inweit nicht eine breitere Rezeption empirischer Erkenntnisse einer international aktiven Inklusionsforschung manchen Widerständen empirisch begründet etwas entgegensetzen könnte. Uns geht es in dieser Ausgabe jedoch nicht um den “großen Systemvergleich”, sondern darum, den Blick zu weiten auf Forschungsfragen und –ansätze internationaler Inklusionsforschung.

Edith Brugger fasst die geschichtliche Entwicklung und die aktuelle Situation der Integration von Kindern und Jugendlichen mit einer Behinderung in Südtirol zusammen. Da in Italien bereits seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts die Integration aller Kinder mit einer diagnostizierten Beeinträchtigung in das schulische Regelsystem gesetzlich verankert war, stößt die Ratifizierung der UN-BRK (in Italien: 2009) hier auf gänzlich andere Ausgangsbedingungen und Erfahrungen als beispielsweise in Deutschland. Der Beitrag wirft einen differenzierten Blick auf den Status Quo des Bildungssystems in Südtirol und macht auf diese Weise deutlich, dass sich auch als ‘inklusiv’ verstehende Verhältnisse und ein mit ihnen politisch und programmatisch verbundener Anspruch nicht notwendigerweise widerspruchsfrei präsentieren müssen, sondern im Gegenteil ebenso einer fortgesetzten Bereitschaft zur reflexiven Weiterentwicklung bedürfen.

Kira Beuse, Kerstin Merz-Atalik und Chris O’Brien vergleichen Haltungen, Einstellungen und Vorstellungen von Lehramtsstudierenden an einer amerikanischen Universität und einer Universität in Deutschland gegenüber inklusiver Bildung und gemeinsamem Unterricht. Es geht den Autor*innen um die professionellen Herausforderungen, die mit einer heterogenen Schülerschaft mit und ohne attestiertem Unterstützungsbedarf verbunden sind oder als solche empfunden werden. International kann die erziehungswissenschaftliche Forschung zu diversitybezogenen Fragestellungen mittlerweile auf eine Tradition seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zurückblicken. Die Frage, die sich die Autor*innen stellen, ist die nach der handlungspraktischen Relevanz studentischer Haltungen zu Diversity und deren Bedeutung für ihre spätere Praxis in Schule und Unterricht. Am Beispiel US-amerikanischer und deutscher Lehramtsbildungsprogramme wird der Stellenwert von Diversity und Inklusion im Ausbildungssystem nachgezeichnet und auf dieser Basis eine empirische Vergleichsuntersuchung zwischen den beiden genannten Universitäten durchgeführt. Dabei zeigt sich, welche Einflüsse ein programmatischer Inclusive Turn auf die sich (aus)bildende Professionalität der Lehramtskandidat*innen nach sich zieht.

Christian Brüggemann und Dana Tegge werfen einen Blick auf eine durch die von der UN-BRK forcierte internationale Berichterstattung (Monitoring) zu schulischer Inklusion. Der Beitrag verschafft zunächst einen Überblick über die den nationalen Berichten zugrunde liegenden Systematiken, Bewertungsrahmen und Kennzahlen. Im Fokus stehen Integrations- und Segregationsanteile und deren Veränderungen in schulischen Bildungssystemen. Interessant sind dabei immer wieder zu beobachtende widersprüchliche Entwicklungen, besonders in Ländern mit einer starken systemischen Segregationstradition. Am Beispiel zweier Länderportraits wird auf Basis einer Sekundäranalyse schulstatistischer Daten gezeigt, dass die Inklusionsanteile in beiden Ländern steigen, obwohl die tatsächliche Quote derjenigen, die getrennt unterrichtet wurden entweder stagniert (im Fall von Deutschland) oder sogar steigt (im Fall der Slowakei). Diese zum Teil gegenläufigen Entwicklungen müssen beachtet werden, um nicht vorschnell allein von steigenden Integrationsanteilen auf eine angemessene Anwendung der UN-BRK zu schließen.

Julia Biermann skizziert die Praxis einer inklusionsorientierten Bildung in Nigeria. Armut und Behinderung spielen im nigerianischen Bildungssystem die bedeutsamste Rolle in Bezug auf den Bildungszugang und die Teilhabemöglichkeiten. Untersucht werden bildungspolitische Regularien und Bildungsstatistiken, wirksame Normen und deren Relevanz für Bildungszugang und –teilhabe sowie die handlungspraktischen Auswirkungen von kategorialem Denken in der schulischen Praxis. Die Analysen verweisen auf den Einfluss des sozioökonomischen Status und von Beeinträchtigungen auf den Zugang zu Schulen. Sonderpädagogische Förderung (special education) ist für Kinder mit besonderen Bedürfnissen (special needs) vorgesehen, welche sich aufgrund von Behinderungen, Benachteiligungen oder besonderer Begabungen ergeben. Die Autorin beobachtet, dass der Zugang zu Schulen vor dem Hintergrund des Anspruchs einer Bildung für alle (Education for All) priorisiert und die Implementierung spezieller Bildungsangebote für Kinder mit Beeinträchtigungen gefordert wird. “In diesem Sinne wird inklusive Bildung nicht zum Reforminstrument, sondern zum Instrument des Aufbaus eines stratifizierten öffentlichen Schulsystems”, so Julia Biermann.

Auch Myriam Hummel wendet sich der Entwicklung inklusiver Bildung in einem afrikanischen Land zu. Am Beispiel von Malawi thematisiert sie das Spannungsverhältnis zwischen makro-politischer Deklaration und lokaler Umsetzung. Dabei kann Malawi bereits auf eine 20jährige Agenda zurückblicken. Die Autorin analysiert, wie der international und zunehmend global geführte Inklusionsdiskurs sich in regionalen Diskussionskontexten bricht und zu unterschiedlichen lokalen Praxen führt. Der Beitrag rekurriert auf die Befunde eines internationalen Forschungsprojekts, das die Bedingungen der Umsetzung von Inklusion im Bil-dungssystem von Malawi betrachtet und sie vor dem Hintergrund der als Bezugsrahmen dienenden Ansprüche und Konzepte inklusiver Bildung in den Industrieländern hinterfragt.

Vier weitere Beiträge vervollständigen diese Ausgabe von Inklusion-Online über den inhaltlichen Themenschwerpunkt hinaus:

Christin Tellisch skizziert Befunde einer empirischen Untersuchung von Lehrenden an Förderschulen und im inklusiven Unterricht von Grund- und Oberschulen. Beobachtet wurden Interaktionen im Unterricht an 9 verschiedenen Schulen. Anhand von qualitativen Szeneninterpretationen werden Beispiele für gelingende und problematische Interaktionsqualitäten erläutert. Die empirische Basis lässt Vermutungen über Interaktionsqualitäten in Schulformen zu und liefert Hinweise für eine inklusionsorientierte Professionalisierung von Lehrkräften.

Hendrik Trescher und Michael Börner setzen sich mit lebenspraktisch-diskursiven Konstruktionsmodi von geistiger Behinderung auseinander. Ausgehend von einer kulturwissenschaftlichen bzw. diskurstheoretischen Perspektive wird zunächst die Frage aufgeworfen, welche Konstruktionen von geistiger Behinderung über den medial-öffentlichen Diskurs transportiert und damit zugleich auch innerhalb gesellschaftlicher Diskurse reproduziert werden. In einem zweiten Schritt geht es um die medial vermittelten Konstruktionen in der Lebenspraxis von Menschen mit geistiger Behinderung. Der Beitrag verfolgt das Ziel, sich mit der aus diskursiven Praktiken hervorgehenden Subjektivität von Menschen mit geistiger Behinderung auseinanderzusetzen.

Robert Schneider stellt bildungsphilosophische Überlegungen zu Heterogenisierungsprozessen in der Schule aus gerechtigkeitstheoretischer Perspektive an. Schule lässt sich seit jeher als Ort des Zusammentreffens von zugleich verschiedenen wie gleichen Akteuren begreifen. Dieser gedankliche Ausgangspunkt stellt jedoch über seine bloße Tatsachenfeststellung hinaus eine Herausforderung dar und erzeugt Orientierungsbedarf. Robert Schneider zielt in seiner Argumentation auf eine theoretisch begründete Idee der Gerechtigkeit als Orientierungsleitlinie für schulisches Denken und Handeln. Es geht ihm letztlich darum herauszuarbeiten, was Gerechtigkeit für humanes Handeln (in und außerhalb von Schule) bedeutet.

Abschließend legen Dietlind Gloystein und Ulrike Barth einen Erfahrungsbericht über einen extern begleiteten schulischen Indexprozesses vor. Dabei geht es zunächst um grundlegende Überlegungen zur Begleitung und Gestaltung inklusiver Veränderungs- und Entwicklungsprozesse. Daran schließt sich die Skizzierung eines Praxisbeispiels an. Der Schwerpunkt der Schilderung liegt dann in der Startphase und der Ingangsetzung einer externen Prozessbegleitung auf Grundlage der Arbeit mit dem Index für Inklusion.

Als weitere Themenschwerpunkte der folgenden Ausgaben sind geplant:

  • Stand der Inklusion in den Bundesländern I
  • Stand der Inklusion in den Bundesländern II
  • Inklusion und Sport
  • Zum Stand der Theorie

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Carmen Dorrance und Clemens Dannenbeck
für die Redaktion von Inklusion-Online


[1]    Heimlich, Ulrich / Kahlert, Joachim / Lelgemann, Reinhard / Fischer, Erhard (Hrsg.) (2016): Inklusives Schulsystem. Analysen,
Befunde, Empfehlungen zum bayerischen Weg. Reihe: forschung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt Verlag. Die zentralen Befunde der
Begleitforschung wurden am 18.02.2016 anlässlich der Abschlusstagung „All inclusive?! Inklusives Schulsystem im Dialog“ zum „
Begleitforschungsprojekt inklusive Schulentwicklung (B!S)“ an der LMU München vorgestellt.
 
Veröffentlicht: 2016-04-28 Weiter…
 

1-2016

Inhaltsverzeichnis

Artikel

Edith Brugger

Die Integration von Kindern und Jugendlichen mit einer Behinderung in einem inklusiven Bildungssystem am Beispiel Italien - Südtirol

Kerstin Merz-Atalik Kira Beuse Chris O´Brien

Sentiments, concerns and attitudes towards inclusive education – A comparison between teacher education students at the University of North Carolina (Charlotte, USA) and the University of Education (Ludwigsburg, Germany)

Dana Tegge Christian Brüggemann

Kennziffern in der Kritik: Anmerkungen zur indikatorengestützten Darstellung von Inklusion in der internationalen Bildungsberichterstattung

Julia Biermann

Approaches to Inclusive Education in Nigeria: The pivotal role of poverty and disability

Myriam Hummel

Die Entwicklung inklusiver Bildung in Malawi: zwischen makro-politischer Deklaration und lokaler Umsetzung

Christin Tellisch

Inklusion braucht Kommunikation – Impulse für gelingende Inklusion in der Schule durch reflektierte, anerkennende Lehrer-Schüler-Interaktionen

Hendrik Trescher Michael Börner

Repräsentanz und Subjektivität im Kontext geistiger Behinderung

Robert Schneider

Heterogenisierung in der Schule? Pädagogische Antwortversuche auf Basis gerechtigkeitstheoretischer Überlegungen

Dietlind Gloystein Ulrike Barth

Vom Richtung finden beim Treiben - Inklusive Schulentwicklung mit einer externen Prozessbegleitung und dem Index für Inklusion starten – ein Erfahrungsbericht



ISSN: 1862-5088