Zeitschrift für Inklusion

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Editorial zum Heftthema Inklusion und Sexualität

 

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

hiermit dürfen wir Ihnen die Ausgabe 3/2014 von Inklusion-Online vorstellen, der Online-Fachzeitschrift für Inklusion. Schwerpunktthema dieser Ausgabe sind Fragen der sexuellen Sozialisation, sexuellen Orientierung und der Entwicklung von Geschlechtsidentität aus inklusionstheoretischer und inklusionspädagogischer Perspektive. Dies ist einmal mehr Ausdruck der Tatsache, dass die Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung umfassende gesellschaftspolitische wie fachwissenschaftliche Debatten über Teilhabebedingungen und fortbestehende Barrieren erfordern und entsprechende Forschungsperspektiven sowie empirische Fragestellungen veranlassen.
Zunächst führt Meike Watzlawik in die identitätstheoretische Komplexität der Thematik ein. Identitätsarbeit findet in, zwischen und außerhalb von gesellschaftlichen Normsetzungen statt, was wiederum zur Grundlage für begleitende, unterstützende oder präventive Maßnahmen wird.
Die Beiträge zur vorliegenden Ausgabe fokussieren vor dem Hintergrund des Inklusionsdiskurses die Bedingungen und Implikationen sexueller Vielfalt für die Ermöglichung und Sicherstellung gleichwürdiger und selbstbestimmter Teilhabe.
Stephanie Nordt und Thomas Kugler, Bildungsreferent*innen bei der Berliner Bildungseinrichtung KomBi (Kommunikation und Bildung), fragen sich, wie sich sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als Themen frühkindlicher Inklusionspädagogik in der Praxis widerspiegeln. Kontext und Anlass ihrer Überlegungen ist ein 2013 veranstalteter Fachtag des Sozialpädagogischen Fortbildungsinstituts Berlin-Brandenburg und der Bildungsinitiative QUEERFORMAT. Ausgehend von der Bedeutung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt für und in der frühkindlichen Bildung verweisen die Autor*innen auf daraus sich ergebende Konsequenzen für eine inklusionsorientierte pädagogische Praxis in Kitas. Zu fordern wäre dabei die wertschätzende Wahrnehmung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt durch eine Praxis, die sich Inklusion auf die Fahnen schreibt, ebenso wie die Erkenntnis, dass die im Text angesprochenen Vielfaltsdimensionen von klein auf die Chance mit sich bringen, soziale Vielfalt zu erleben und den Umgang mit ihr zu erlernen.
Dass die Realität davon noch weit entfernt ist, zeigt der Beitrag von Ulrich Klocke, der zunächst auf die nach wie vor hohe Verbreitung homophober Einstellungen und Verhaltensweisen in der Schule verweist. Eine an Berliner Schulen angesiedelte Studie arbeitet Möglichkeiten für pädagogische Fachkräfte heraus, bestehende Homo- und Transphobien anzugehen und abzubauen und damit zur Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt beizutragen.
Hendrik Trescher und Michaels Börner legen eine diskurstheoretisch akzentuierte Betrachtung der Bedingungen selbstbestimmter Sexualität bei so genannter geistiger Behinderung vor. Im Falle von gesellschaftlich als "geistig behindert" markierten und adressierten Subjekten erscheint die Wirkmächtigkeit von Sexualitäts- und Selbstbestimmungsdiskursen "in restriktiver Art und Weise zum Tragen" zu kommen. Ergebnis ist, dass die Barrieren, die einer selbstbestimmten Sexualität von Menschen mit so genannter geistiger Behinderung auch in Zeiten, in denen viel von Inklusion die Rede ist, reproduziert werden. Was sich in diesem Zusammenhang als Hilfesysteme etabliert hat, mag im Einzelfall vorteilhaft und wünschenswert sein, tendiert aber auch dazu, strukturelle Exklusionslinien unberührt zu lassen.
Eine Perspektive, der die wechselseitige Durchdringung von Theorie und Praxis ein zentrales Anliegen ist, verfolgen Alexander Bahr und Anne Liebeck. Theoretisch reflektiert wird im Kontext sexualpädagogischer Aufklärungs- und allgemeiner Jugendbildungsarbeit zunächst das Konzept der Heteronomativität, was zur Analyse des Herrschaftsverhältnisses von Heteronorm(alis)ierung führt, unter besonderer Berücksichtigung von Beziehungsformen und Identitätskonstruktionen. Die Brücke zur Praxis wird durch die Diskussion des Schulaufklärungsprojekts Liebesleben des Gerede - homo, bi und trans e.V geschlagen. Die Autor*innen stellen dabei der Praxis von Jugendbildungsarbeit ein ambivalentes Zeugnis aus: "Zwar lassen sich Differenzierungen und daraus abgeleitete Kategorisierungen allgemein nicht vermeiden ... Jedoch ist es von überaus großer Bedeutung, wie die Praxen der Differenzierung aussehen, wie aufklärende Jugendbildungsarbeit also differenziert".
Ebenfalls die Praxis im Blick hat  Frank G. Pohl. Sein Bericht stellt die Initiative Schule der Vielfalt - Schule ohne Homophobie vor. Im Mittelpunkt steht die pädagogische und didaktische Beratung von Lehrkräften, auch in der Aus- und Fortbildung, um der Tabuisierung homo- und transphober Realität in schulischen Kontexten zu begegnen. Der Beitrag verweist auf Handlungsmöglichkeiten und Best-Practice-Beispiele.
Im gleichen Themenfeld bewegt sich Peter Dankmeijer, der die Berücksichtigung des Rechts auf Bildung im Kontext von LGBTI in ihrer Konsequenz für schulische Konzept- und Qualitätsentwicklung analysiert. Der englischsprachige Beitrag zeichnet die Entwicklung nach, die in den letzten Jahren dazu geführt hat, verstärkte Aufmerksamkeit auf Teilhaberechte von LGBTI im Bildungssektor zu richten und bilanziert zu welchen Ergebnissen dies mittlerweile geführt hat. Ziel muss es sein, über ein wissenschaftlich bewährtes und geprüftes Instrumentarium zur schulischen Qualitätsentwicklung zu verfügen, das die Verankerung des ungeteilten Rechts auf Bildungsteilhabe von LGBTI sicherstellt. Kooperation zwischen Selbstvertretungen und bildungspolitischen wie pädagogischen Akteuren muss dabei selbstverständlich werden.
Christiane Quadflieg und Uli Streib-Brzič stellen die Europäische Studie School is out vor, die die Erfahrungen von Kindern mit Eltern, die sich als LGBTI identifizieren, zum Gegenstand hat. Im Mittelpunkt stehen deren schulische Erfahrungen, Diskriminierungserfahrungen und Coping-Strategien. Aus den gewonnenen Erkenntnissen wurden pädagogische Materialien entwickeln, wie Zugehörigkeits und Normalitätskonstruktionen reflexiv im Unterricht thematisiert werden können.

Als Themenschwerpunkte der folgenden Ausgaben sind bislang geplant:

  • Kunst, Kultur und Inklusion (Gastherausgeberschaft)
  • Ableism: zur Konstruktion von Behinderung und Befähigung im Bildungswesen (Gastherausgeberschaft)
  • Inklusion und kultureller Hintergrund

 

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Carmen Dorrance und Clemens Dannenbeck
für die Redaktion von Inklusion-Online

 

 
Veröffentlicht: 2014-11-13 Weiter…
 

Nr. 3 (2014)

Inhaltsverzeichnis

Artikel

Meike Watzlawick

Homo-, bi- oder heterosexuell? Identitätsfindung in, zwischen und außerhalb der Norm

Stephanie Nordt Thomas Kugler

Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt im Kontext von frühkindlicher Inklusionspädagogik

Ulrich Klocke

Inklusion sexueller und geschlechtlicher Vielfalt: Eine Studie zu Einflussmöglichkeiten pädagogischer Fachkräfte

Hendrik Trescher Michael Börner

Sexualität und Selbstbestimmung bei geistiger Behinderung? Ein Diskurs-Problem!

Alexander Bahr Anne Liebeck

»In meiner Klasse würde ich mich nicht outen!« – Wider der Heteronorm(alis)ierung am Beispiel des Schulaufklärungsprojekts LiebesLeben

Frank G. Pohl

Projekt Akzeptanz. Für eine Schule ohne Homophobie

Uli Streib-Brzič Christiane Quadflieg

„wenn’s jeder hätte, dann ist es ja eigentlich nicht mehr peinlich“ – Strategien von Kindern aus Regenbogenfamilien. Interventionen für die pädagogische Praxis.

Peter Dankmeijer

The Implementation of the Right to Education and LGBT People: First Attempts to Monitor, Analyze, Advocate and Cooperate to Improve the Quality of Schools



ISSN: 1862-5088