Zeitschrift für Inklusion

Mitteilungen

 

Editorial zu Ausgabe 4/2013

 

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

wir freuen uns, Ihnen heute die neue Ausgabe von Inklusion-Online präsentieren zu können. Diesmal haben wir auf ein Schwerpunktthema verzichtet und stattdessen für Sie eine Reihe verschiedener spannender Beiträge zu unterschiedlichen Themen rund um Inklusion zusammengestellt. Die Beiträge haben uns in jüngerer Zeit erreicht. Sie verdienen jenseits der jeweiligen Heftthemen eigenständige Aufmerksamkeit und so entschieden wir uns, sie Ihnen in dieser Form zugänglich zu machen. Wir wünschen Ihnen eine spannende und ertragreiche Lektüre.

Kritik an Tendenzen des aktuellen Inklusionsdiskurses üben Jürgen Budde und Merle Hummrich. Sie weisen darauf hin, dass in der bildungspolitischen und praktischen Diskussion die Rede von Inklusion immer häufiger allein auf die Forderung nach uneingeschränkter Teilhabe von Menschen mit Behinderungen zielt. Eine solche Verkürzung der Problemstellung kappt zwangsläufig die gesellschaftspolitische und menschenrechtliche Relevanz der Forderungen, die durch die UN-BRK auf die Tagesordnung gelangt sind. Die skizzierte kritische Perspektive zielt zum einen in theoretischer Hinsicht auf das (system- und strukturtheoretisch informierte) Spannungsverhältnis von Inklusion und Exklusion und zum anderen auf die Spannungslinie zwischen Universalismus und Partikularismus. Die Autor_innen sprechen sich für ein reflexives Inklusionsverständnis aus, das sich der Komplexität von Vielfalt und Differenz bewusst bleibt und gerade auch in schulpädagogischen Kontexten nottut.

Im Zentrum von Jaqueline und Toni Simons Beitrag steht die inklusive Diagnostik und die Bedingungen ihrer Möglichkeit. Kritisch hinterfragt wird dabei sowohl die diagnostische Tradition wie die herrschende professionelle pädagogische Praxis. An dieser Problemstellung lassen sich die Unterschiede und Spannungsfelder  zwischen einer Integrationspraxis und inklusiven Ansprüchen besonders prägnant aufzeigen. Auf einer vergleichbar widersprüchlichen Ebene sehen die Autor_innen Konzepte der Förderdiagnostik in ihrem Verhältnis zu inklusionsorientierter Diagnostik angesiedelt. Der Beitrag setzt sich kritisch mit einer durch integrative und inklusive Pädagogik-Diskurse durchaus sich im Wandel befindlichen diagnostischen Praxis auseinander. Die Überwindung klassischer Förderdiagnostik scheint dabei allerdings noch nicht garantiert.

Nicht nur die populäre Lesart der UN-Behindertenrechtskonvention verdient nach Hendrik Trescher einer kritischen Rezeption, auch die latenten Bedeutungsstrukturen des Texts selbst sollten sehr viel genauer einem analytischen Blick unterzogen werden. Der Autor fragt nach dem spezifischen Behinderungsbegriff und -verständnis der Konvention und deren Verhältnis zu einem demokratischen Grundverständnis. Er kommt dabei zu dem bemerkenswerten Schluss, dass " innerhalb der UN-Konvention ein demokratiespezifisches Bild von Behinderung vorherrscht, das mittels der weltweiten Sendungskraft der UN-Konvention global verbreitet und im Zuge der Ratifizierung durchgesetzt wird." Damit ist das Thema eines implizit kulturalistischen Bias der UN-Behindertenkonvention aufgeworfen - eine These, die Hendrik Trescher bis zur Aussage vorantreibt, dass der UN-Behindertenkonvention ein 'kulturimperalistischer' Deutungsanspruch zu attestieren sei. .

Andreas Köpfer fasst zentrale Befunde seiner ethnografischen Untersuchungen über inklusive Schulen in Kanada zusammen. Am Beispiel der Provinzen New Brunswick, Prince Edward Island und Québec beschreibt er inklusive Unterstützungsstrukturen und Unterrichtsprozesse vor dem Hintergrund der langjährigen staatlichen Inklusionsorientierung als Strukturprinzip des Bildungswesens in Kanada. Besonders aufschlussreich für die Fachdiskussion hierzulande, die Förderung stets an das bekannte Etikettierungs-Ressourcen-Dilemma geknüpft sieht, ist dabei die kanadische Tradition eines konsequent nicht-kategorialen und systemischen Verständnisses von individueller Unterstützung. Darüber hinaus weist Andreas Köpfer auf neue Gestaltungsideen für schulinterne Berufsrollen und Formen interprofessioneller Kooperation hin.

Cornelius Breyer und Matthias Erhardt fragen nach den Konsequenzen für die universitäre Lehrerbildung, die aus der Einlösung des Rechts auf inklusive Bildung für alle, wie es in der UN-BRK grundgelegt ist, resultieren. Grundlage ihrer Überlegungen sind Erfahrungen mit einem interdisziplinären Seminar der Schul- und Sonderpädagogik. Dabei kommen Studierende unterschiedlicher Lehrämter zu Wort. Der Fokus wird auf den Aspekt der Behinderung gelegt, wobei eine inklusive Lehrerbildung im Allgemeinen an Heterogenität orientiert ist. Der Beitrag macht deutlich, wie wichtig eine inklusionsorientierte Reform der Lehramtsausbildung ist, wenn sich pädagogische Haltungen in Bezug auf Wertschätzung und Anerkennung menschlicher Vielfalt ändern sollen.

Eine ähnliche Aufgabe stellt sich Claudia Löwe, die nach Schlüsselkompetenzen pädagogischer Professionalität in inklusiven Schulentwicklungsprozessen Ausschau hält. Wie verändert sich pädagogische Professionalität angesichts inklusiver Schulentwicklungsprozesse? Die Autorin erarbeitet diverse Elemente auf dem Weg zur Entwicklung eines systemisch-reflexiven Professionalitätsverständnisses in inklusiven Schulkontexten. Ihre Überlegungen resultieren in der Artikulation von Möglichkeiten der Etablierung reflexiver Beratungskulturen. Reflexives Denken und Handeln ist damit wesentlicher Ausdruck des Wandels pädagogischer Professionalität unter inklusiven Vorzeichen.

Jeremias Amstutz, Sarah Marti, Dorothea Lage und Sibylle Nideröst bieten einen Projektbericht zu individuellen Wohnbedürfnissen von körperlich beeinträchtigten Personen im Kanton Zürich an. Es geht dabei im Grunde um die Frage nach den herrschenden Verhältnissen und Bedingungen für die Ermöglichung inklusiver Wohnformen. Grundlage ist eine kleine qualitative Studie aus dem Jahre 2012, die sich mit der abnehmenden Nachfrage nach kollektiven Wohnangeboten und dem gleichzeitig zu beobachtenden steigenden Bedarf an individuellen Wohnformen auseinandersetzte. Wie kann dieser Entwicklung angemessen Rechnung getragen werden? Die auf elf problemzentrierten Interviews basierende Studie bestätigt den genannten Trend und wirft die Frage nach angemessenen Dienstleistungsstrukturen zur Sicherstellung gleicher Teilhabechancen von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung auf. Weder die aktuelle Gestaltung des öffentlichen Raums, noch die gegenwärtig vorhandenen Wohnraumstrukturen können diesem Anspruch bislang gerecht werden.
Toleranz, Akzeptanz und Wertschätzung sind wesentliche Ziele inklusiven Unterrichts. Jörg Mußmann stellt sich die Frage, wie diese normativen Zielsetzungen methodisch erreicht und ihre Realisierung empirisch überprüft werden können. Er verfolgt diese Perspektive am Beispiel des Stotterns im Förderschwerpunkt Sprache. Dies dient der Bildung von operationalisierbaren Hypothesen, die in zukünftigen empirischen Untersuchungen einer Überprüfung unterzogen werden können.
Oliver Musenberg und Judith Riegert befassen sich mit 'inklusivem' Geschichtsunterricht der Sekundarstufe auf Basis einer explorativen Studie. Nach einer kurzen Bestandsaufnahme zum Verhältnis von Sonderpädagogik, Geschichtsdidaktik und Inklusiver Fachdidaktik skizzieren die Autorinnen die Vermittlung zwischen Sache und Subjekt als zentrale (fach-)didaktische Aufgabenstellung. Wie erste Einblicke in die didaktische Praxis integrativ arbeitender Klassen der Sekundarstufe zeigen, kommt dabei – insbesondere im Hinblick auf Schülerinnen und Schüler mit geistiger Behinderung – der Anschaulichkeit bzw. Veranschaulichung eine große Bedeutung zu. Erste Ergebnisse der explorativen Interviewstudie zum Geschichtsunterricht in integrativen Klassen der Sekundarstufe verweisen auf zentrale didaktische Spannungsfelder im inklusiven Fachunterricht.

Als Themenschwerpunkte der folgenden Ausgaben sind bislang geplant:

  • Inklusive Hochschulentwicklung und -didaktik
  • Inklusion und sexuelle Orientierung
  • Inklusion und kultureller Hintergrund

Carmen Dorrance und Clemens Dannenbeck
für die Redaktion von Inklusion-Online

 
Veröffentlicht: 2014-01-21 Weiter…
 

4-2013

Inhaltsverzeichnis

Artikel

Jürgen Budde Merle Hummrich

Reflexive Inklusion

Jaqueline Simon Toni Simon

Inklusive Diagnostik – Wesenszüge und Abgrenzung von traditionellen "Grundkonzepten" diagnostischer Praxis. Eine Diskussionsgrundlage

Hendrik Trescher

Behinderung als demokratische Konstruktion. Zum objektiven Sinn und ‚cultutral impact‘ der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen

Andreas Köpfer

Inclusive Unterstützungsstrukturen und Rollen am Beispiel kanadischer Schulen in den Provinzen New Brunswick, Prince Edward Island und Québec

Matthias Erhardt Cornelius Breyer

Inklusive Schule gestalten durch inklusive Lehrerbildung

Claudia Löwe

Schlüsselqualifikationen pädagogischer Professionalität in inklusiven Schulentwicklungsprozessen

Jeremias Amstutz Dorothea Lage Sarah Marti Sibylle Nideröst

Gesellschaftliche Teilhabe von körperlich beeinträchtigten Personen – eine Studie zur Bedarfsabklärung im Lebensbereich Wohnen

Jörg Mußmann

Sprachliches Förderziel Toleranz? Normative Kollektivziele und der Förderschwerpunkt Sprache im Spannungsverhältnis des inklusiven Unterrichts

Oliver Musenberg Judith Riegert

»Pharao geht immer!« – Die Vermittlung zwischen Sache und Subjekt als didaktische Herausforderung im inklusiven Geschichtsunterricht der Sekundarstufe. Eine explorative Interview-Studie.



ISSN: 1862-5088