Zeitschrift für Inklusion

Mitteilungen

 

Editorial ersten Ausgabe von Inklusion-Online im Jahr 2015

 

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

wir freuen uns Ihnen hiermit die erste Ausgabe von Inklusion-Online in 2015 vorzustellen, der Online-Fachzeitschrift für Inklusion. Immer wieder erreichen uns frei eingereichte spannende theoretische und praxisorientierte Beiträge aus Wissenschaft und Forschung zu aktuellen inklusionsbezogenen Entwicklungen oder Themen, die nicht ohne weiteres einem unserer geplanten Schwerpunkte zugerechnet werden können. Nicht immer finden diese Beiträge unmittelbar Raum in unseren Rubriken. Aus diesem Grund haben wir uns diesmal wieder dafür entschieden, eine Ausgabe ohne eigene übergreifende Schwerpunktsetzung zu veröffentlichen. Wir wünschen hierzu allen Leserinnen und Lesern eine anregende Lektüre.

Unser Redaktionsmitglied Timm Albers legt gemeinsam mit Michael Lichtblau einen Beitrag vor, der normative, theoretische und empirische Perspektiven in Bezug auf den Übergang von Kita und Schule verfolgt. Aus Inklusionssicht ist dieser Übergang von Exklusionsrisiken mit besonderer Tragweite verbunden. Dem entgegenzusteuern, verlangt nach strukturellen Veränderungen der Rahmenbedingungen, in denen Kitas und Schulen diesen Übergang bislang gestalten können und müssen. Auf der praktischen Handlungsebene heißt das: Frühpädagogische Fachkräfte sowie die Lehrkräfte an Grundschulen und beteiligte Eltern entwickeln enge Austauschbeziehungen auf pädagogisch-konzeptioneller Grundlage und kooperieren miteinander im Sinne einer inklusionsorientierten Gestaltung dieses Übergangs. Der vorliegende Beitrag rezipiert den internationalen Forschungsstand zu Transitionsprozessen im Übergang vom Elementar- in den Primarbereich und zeigt dabei Wege zur kooperativen Organisationsentwicklung unter Maßgabe von Inklusion auf.

Mit dem methodologischen Blick auf das Instrument Netzwerke inklusiver Konstellationen (NiK) greifen unser Redaktionsmitglied Anke Langner und Andrea Dlugosch Fragen der methodisch kontrollierten ‚Umsetzung’ von ‚Inklusion’ aus der Perspektive der Educational-Governance-Forschung auf. Es geht dabei um den Versuch, der Komplexität von Einflussfaktoren inklusiver Entwicklungen im Bildungssystem auf Forschungsebene angemessen Rechnung zu tragen. Skizziert und hinsichtlich seines Potenziales kritisch betrachtet wird dabei der Einsatz von NiK als Erhebungs- und Reflexionsinstrument zur Erfassung inklusionsbezogener Entwicklungen, Bedarfe und Prozesse. Die Autorinnen haben den Einsatz von NiK im Rahmen einer Voruntersuchung erprobt, die vor allem erste Erkenntnisse in Bezug auf die Rekonstruktion von inklusionsorientierten Prozessen zulässt.

Auch im Beitrag von Christina Spaller spielt Komplexität und deren Reduktion bzw. praktische Handhabung durch den Menschen eine zentrale Rolle. Orientierung und Handlungsfähigkeit setzt demzufolge Komplexitätsreduktion voraus. Das, was Menschen als Wirklichkeit erscheint, ist dabei sowohl Ergebnis ihres eigenen Tuns (etwa in Kommunikation, Interaktion und Begegnung), wie auch von außen herangetragener Konstruktion. Diese Prozesse führen zur Wahrnehmung von Vielfalt und Ähnlichkeit, Zugehörigkeit und Differenz. Die soziale Konstruktion von Wirklichkeit bedingt jedoch ihre prinzipielle Veränderbarkeit unter Berücksichtigung bestehender Machtverhältnisse zwischen allen Akteuren. Der Beitrag diskutiert die Konstruktion von Differenz unter wissenschaftstheoretischer Bezugnahme u.a. auf Foucault und Butler.

Thomas Rihm nimmt die widersprüchlichen Prozesse inklusionsorientierter Schulentwicklung, wie sie sich gegenwärtig flächendeckend abzeichnen, aus subjektwissenschaftlicher Perspektive kritisch in den Blick. Er beobachtet dabei das Wirken zweier dominierender Modi: Ein im Sinne der Vermittlung lebensweltbezogener Verständigungsbedürfnisse als wenig adäquat anzusehender Modus „gesteuerter Vermittlung“ auf der einen Seite und ein Modus „diskursiver Verständigung“, der Zeit-Räume für Fragen der Lebensführung eher zulässt, auf der anderen Seite. Deutlich wird für Thomas Rihm in diesem Zusammenhang, „dass mit der konsequenten Umsetzung einer evidenzbasierten Optimierungsstrategie bei gleichzeitiger Pluralisierung der schulischen Verhältnisse durch Inklusion, die Komplexität und der Grad der erzeugten Widersprüche im Schulsystem erheblich zunimmt“ (ebd.). Entscheidend wird jedoch die dialektische Vermittlung der beiden Modi sein.

Reinhard Eichholz legt die schriftliche Fassung eines Vortrags vor, der im Rahmen des Petersburger Dialogs auf dem Deutsch-Russischen Sozialforum gehalten wurde und sich mit Anthropologischen Grundlagen von Inklusion befasst, in denen er das Verbindende zwischen rechtlich-politischen, humanwissenschaftlichen, medizinisch-naturwissenschaftlichen und (reform)pädagogischen bzw. psychologischen Annäherungen zum Thema sieht. Unter Berufung auf die UN-BRK wird an deren Menschenrechtsbezug erinnert und auf die Unantastbarkeit der Menschenwürde und das Recht auf Schutz vor Diskriminierung rekurriert. Der Beitrag nimmt die Inklusionsdiskurse und ihre unterschiedlichen Akzentsetzungen in Russland und Deutschland zum Anlass seiner grundlegenden anthropologischen Gedanken.

Andreas Kloth analysiert Daten zur sonderpädagogischen Förderung des Ministeriums für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen. Im Fokus seiner Überlegungen steht die Frage der Umsetzung von Inklusion an Grundschulen. Feststellbar sind sowohl steigende Förderquoten als auch steigende Förderschulbesuchsquoten und Integrationsquoten. Dieser immer wieder zu beobachtende und auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinende Befund gibt Anlass zur Vermutung, dass inklusive Entwicklungen an Schüler*innen in Förderschulen tendenziell weitgehend vorbeigehen. Andreas Kloth zieht diese Schlussfolgerung mit Blick auf den Förderschwerpunkt Lernen, bei einem Vergleich der Entwicklungen an den entsprechenden Förder- und Grundschulen. Es liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei ‚inklusiv’ beschulten Schüler*innen zu einem großen Teil um „neue Förderschüler aus der Schülerschaft der Grundschule“ (ebd.) handelt.

Lena Johnson steuert empirische und praktische Erfahrungen aus den USA im Kontext einer Schule für alle bei. Dabei nimmt sie als Co-Teacher in einer ‚inklusiven’ Schule sowie als Qutside Change Agent in der Begleitung von Schulen, die sich in einem Inklusionsprozess befinden, die Zusammenarbeit aller an Schule beteiligten Akteure in den Blick. Effektive und transdisziplinäre Kooperationen sind ihr zufolge entscheidende Elemente inklusiver Schulentwicklung. Ohne sich für eine kritiklose und entkontextualisierte Übernahme von Modellen auszusprechen, verspricht sich Lena Johnson von der Rezeption des Co-Teaching-Modells wichtige Anregungen und Denkanstöße zur Realisierung inklusionsorientierten Unterrichts auch hierzulande.

Joachim Wondrak befasst sich abschließend mit den Ergebnissen einer Untersuchung zirkuspädagogischer Angebote in Zusammenhang mit der Teilhabe von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung. Auf der Basis von Expert*inneninterviews mit Mitarbeiter*innen eines langjährigen zirkuspädagogischen Projekts, den teilnehmenden Kindern und ihren Eltern wird die pädagogische Konzeption der Zirkusarbeit in Bezug zu Inklusion gestellt. Beschrieben wird der mögliche Beitrag von Kinder- und Jugendzirkusarbeit sowie die erforderlichen Rahmenbedingungen, unter denen Zirkuspädagogik im Sinne inklusiver Haltungen zu wirken vermag.

Die folgende Ausgabe von Inklusion-Online erscheint unter der Gastherausgeberschaft von Lisa Pfahl und Tobias Buchner zum Thema Ableism: Zur Konstruktion von Behinderung und Befähigung im Bildungswesen.

Weitere geplante Ausgaben:

  • Inklusionsentwicklung International
  • Inklusionsentwicklung im deutschsprachigen Raum
  • Methodische und methodologische Überlegungen zu Inklusion

Carmen Dorrance und Clemens Dannenbeck
für die Redaktion von Inklusion-Online

 

Call for Paper für die Ausgabe 04/2015 

Thema: Methodische und methodologische Überlegungen zu Inklusion In dieser Ausgabe sollen mögliche methodische Ansätze zur Analyse von Fragestellungen/Herausforderungen im Kontext der Umsetzung/Implementierung von Inklusion in der Praxis diskutiert werden. Die Methoden können sowohl den quantitativen als auch den qualitativen Methoden der Sozialforschung zugeordnet werden, wie auch methodologische Beiträge möglich sind. Zentral sollte die Verhältnisbestimmung zwischen den vorgestellten/diskutierten Methoden und der Frage nach der Umsetzung von Inklusion sein, wobei die unterschiedlichsten Lebensbereiche hier denkbar sind. Abgabe der Beiträge: 30.09.2015 unterhttp://www.inklusion-online.net

 
Veröffentlicht: 2015-04-03 Weiter…
 

Nr. 1 (2015)

Inhaltsverzeichnis

Artikel

Timm Albers Michael Lichtblau

Transitionsprozesse im Kontext von Inklusion – Normative, theoretische und empirische Perspektiven auf die Gestaltung des Übergangs vom Elementar- in den Primarbereich

Andrea Dlugosch Anke Langner

Netzwerke inklusiver Konstellationen (NiK) – ein Erhebungs- und Reflexionsinstrument für die „Umsetzung“ von „Inklusion“?

Christina Spaller

Welt ordnen – Menschen begegnen. Über die Konstruktion und das Tun von Differenzen.

Thomas Rihm

Eine Schule, zwei Modi - Inklusive Schulentwicklung aus subjektwis-senschaftlicher Sicht

Reinhald Eichholz

Anthropologische Grundlagen der Inklusion

Andreas Kloth

Die neuen Förderschüler. Inklusion an Grundschulen in Nordrhein-Westfalen

Magdalena Johnson

Co-Teaching: Voraussetzung und Garant für eine Schule für Alle – Erfahrungen aus den USA

Joachim Wondrak

Integration und Teilhabe von behinderten Kindern und Jugendlichen durch zirkuspädagogische Angebote



ISSN: 1862-5088