Zeitschrift für Inklusion

Mitteilungen

 

Editorial zum Heftthema inklusive Hochschulentwicklung und -didaktik

 

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

wir freuen uns, Ihnen heute die erste Ausgabe von Inklusion-Online in 2014 präsentieren zu können. In ihr wird eine Thematik aufgegriffen, die noch vergleichsweise wenig im allgemeinen öffentlichen Bewusstsein angelangt zu sein scheint, aber im Bereich von Hochschulen und Universitäten bereits seit geraumer Zeit zu Diskussionen führt: Als Bestandteil des Bildungssystems stehen nicht zuletzt auch die auch Hochschulen und Universitäten vor der Aufgabe, strukturell, konzeptionell und praktisch auf die UN-BRK zu reagieren und die bestehende Studienrealität im Bereich von Forschung und Lehre in Bezug auf die Frage des Umgangs mit Heterogenität und Differenz grundlegend auf den Prüfstand zu stellen. In diesem Sinne positionierte sich die Deutsche Hochschulrektorenkonferenz bereits 2009 auf ihrer 6. Mitgliederversammlung zu einer Hochschule für Alle. Die seither im Zuge der dabei formulierten Empfehlungen erfolgten Entwicklungen wurden im Jahre 2012 evaluiert. 2010 folgte das Deutsche Studentenwerk mit der Vorlage von Handlungsstrategien zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und der HRK-Empfehlungen. Erste über die routinemäßig stattfindenden Sozialerhebungen hinausgehende empirische Befunde zu Studienbedingungen von Studierenden mit Behinderung und chronischer Krankheit wurden dann 2011 auf Grundlage einer repräsentativen Datenerhebung vom Deutschen Studentenwerk veröffentlicht. Darüber hinaus hat eine mehr oder weniger starke Diskussion in den Hochschulen und Universitäten – sowie den zuständigen Landesministerien – darüber eingesetzt, welche Veränderungen in Zuge der Umsetzung der UN-BRK in Zukunft konkret anstehen.
Auf der 27. Inklusionsforscher/-innentagung 2013 in Leipzig wurde die Frage nach einer inklusiven Hochschulentwicklung und -didaktik im Rahmen einer AG aufgegriffen. Dabei zeigte sich, dass in vielen Hochschulen und Universitäten Inklusion zwar in pädagogischen Fachkontexten thematisiert, diskutiert und auch beforscht wird und bisweilen, etwa im Zuge der Akademisierung der ErzieherInnenausbildung, auch in spezifischen Studiengängen methodischen Niederschlag findet – eine selbstkritische Bestandsaufnahme der eigenen akademischen Institution als Bestandteil des Bildungssystems steht hingegen vielerorts noch aus oder steckt bestenfalls in den Kinderschuhen. Was bedeutet eigentlich eine inklusive Hochschulentwicklung und -didaktik im Sinne eines strukturellen, kulturellen und didaktischen Kennzeichens einer Hochschule für Alle?
Die vorliegende Ausgabe von Inklusion-Online geht diesen Fragen nach, diskutiert den Stand der Forschung ebenso wie Good-Practice-Beispiele und theoretische Überlegungen. Zudem kommen beteiligte Akteure – etwa von Beratungseinrichtungen – einschließlich Studierende selbst zu Wort.
Einleitend skizziert Christiane Schindler zunächst den Ist-Stand der rechtlichen Situation im Hochschulbereich in Bezug auf Elemente inklusiver Bildung. Es werden die aktuellen Herausforderungen, die sich aus der konkreten Gestaltung des Bachelor-Master-Studiensystems und der Stärkung des Selbstauswahlrechts der Hochschulen für Studierende mit Behinderungen und chronischen Krankheiten ergeben, beschrieben. Dabei zeigt sich, dass strukturelle Voraussetzungen für eine chancengleiche Teilhabe von Studierenden mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen an der Hochschule durchaus ansatzweise gegeben sind, die Praxis jedoch nach wie vor auf erheblichen Handlungsbedarf verweist.
Margrit Mooraj und Peter A. Zervakis skizzieren zunächst die gesellschaftlichen, volkswirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen die zu einer wachsenden Heterogenität von Studierenden an Hochschulen und Universitäten geführt haben. Daraus resultiert die Notwendigkeit der Entwicklung von diversitätsorientierten Maßnahmen in Studium und Lehre. Mit Hilfe gelungener Praxisbeispiele werden hochschulweite Strategien, flexible Studienformate, eine studierendenzentrierte Didaktik und Methodik sowie diversitätssensible Maßnahmen in der Beratung von Schülerinnen und Schülern, Studieninteressierten und Studierenden vorgestellt und Möglichkeiten der Umsetzung beispielhaft aufgezeigt.
Stefanie Busch fasst die zentralen Ergebnisse der Evaluation der HRK-Empfehlung Eine Hochschule für Alle zusammen. Dabei werden Diskursanlass und politischer Kontext der Empfehlungen skizziert und es wird auf ausgewählte Befunde der 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks vergleichend eingegangen. Ein entsprechender Bewusstseinswandel an Hochschulen sei inzwischen spürbar, dennoch bleiben strukturelle und organisatorische Veränderungen auf der Tagesordnung, deren Realisierungen zwingend an entsprechende finanzielle und personelle Ressourcenausstattungen gebunden sind.
Maike Gattermann-Kasper beginnt ihren Beitrag mit der These, dass das deutsche Hochschulsystem vom Grundsatz her auf die Berücksichtigung studentischer Heterogenität hin angelegt ist, da unabhängig von vorliegenden Beeinträchtigungen alle Studierenden formal gleichen Zugang zu Lehrveranstaltungen und Prüfungen haben. Die Anwendung der für alle geltenden Regelungen kann jedoch für Studierende mit Behinderung oder chronischer Krankheit zu erheblichen Nachteilen oder Erschwernissen führen. Für diese Gruppe werden daher seit vielen Jahren insbesondere bei den Prüfungsbedingungen einzelfallbezogene Anpassungen zur Sicherstellung von Chancengleichheit vorgenommen („Nachteilsausgleichs-regelungen“). Der Beitrag gibt auf der Grundlage der rechtlichen Vorgaben und eigener praktischer Erfahrungen einen Überblick über das Thema „Nachteilsausgleiche bei Lehrveranstaltungen, Prüfungen und Fristvorgaben“ für Studierende mit Beeinträchtigungen. Dabei erfolgt eine Einordnung des Konzepts „Nachteilsausgleich“ in das grundsätzliche Verständnis von gleichberechtigter Teilhabe der UN-BRK. Darauf aufbauend werden dann Grundlagen, Voraussetzungen, Verfahren und Maßnahmen von Nachteilsausgleichsmaßnahmen bei Prüfungen, Fristvorgaben und Lehrveranstaltungen dargestellt.
Markus Rebstock und Antje Römhild berichten vom Stand der Dinge in der Fachhochschule Erfurt. Dort wurde im Jahr 2013 damit begonnen, im Rahmen des vom Thüringer Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur geförderten Projektes „FH Erfurt – Hochschule der Inklusion“ einen Aktionsplan im Sinne des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen (UN-BRK) zu entwickeln. Dabei wurde eine Basis geschaffen, um den derzeitigen Stand der Inklusion an der FH Erfurt zielgerichtet untersuchen zu können. Analysiert wurden die aktuellen Bedingungen aus der Perspektive der Studierenden und der Beschäftigten sowie der Stand der Barrierefreiheit. Insgesamt wurden dabei rund 200 Maßnahmen identifiziert und in einem „Modell-Aktionsplan“ zusammengefasst, den es nun hausintern abzustimmen und umzusetzen gilt.
Helen Knauf stellt in ihrem Beitrag ausgewählte Ergebnisse einer Untersuchung zu Einstellungen von Lehrenden und Studierenden zum Thema Inklusion an Hochschulen vor und eröffnet so Einblicke in Ressourcen und Barrieren für eine inklusionsorientierte Hochschule. Grundlage der Untersuchung sind Gruppendiskussionen mit Lehrenden und Studierenden deutscher Hochschulen. Die Ergebnisse werden anhand der Ebenen Kultur, Struktur und Praxis (Booth et al. 2011) vorgestellt. Der Beitrag schließt mit der Formulierung weiterführender Fragen, die den zukünftigen Forschungsbedarf, aber auch die erforderlichen gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse für eine gelingende Umsetzung von Inklusion an Hochschulen thematisieren.
Den Weg zu einer inklusiven Fakultät zeichnen Melanie Werner, Stefanie Vogt und Andrea Platte am Beispiel der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Köln nach. Dabei wurden seit 2012 gemeinsam mit Studierenden und Lehrenden Ideen und Bedarfe entwickelt, die in einen entsprechenden Leitfaden einflossen. Eine Reihe unterschiedlich ausgerichteter Lehrforschungsprojekte begleitete diesen Prozess. Dabei bleibt der Blick auf die Gesamtentwicklung der Fachhochschule als Bildungsinstitution gerichtet.
Saskia Schuppener legt einen Beitrag zu den Anforderungen an die Lehrer/-innenausbildung und Professionalisierung vor dem Hintergrund des Anspruchs an schulische Inklusion in Deutschland vor. Der systemische Veränderungsanspruch der UN-BRK erstreckt sich sowohl auf die Berufs- und Handlungsfelder aller Lehrprofessionen wie auch auf die Gestaltung und Etablierung reflexiv lernender Organisationen und Institutionen des Bildungswesens. Mutmachende Ansätze lassen sich dabei sowohl in der Aus- wie der Fort- und Weiterbildung entdecken.
Yvonne Kuhnke und Jana York fokussieren die Fragestellung, inwieweit Studierende als zukünftige Multiplikator_innen für eine inklusive Gesellschaft eingesetzt werden können und inwiefern Hochschulen einen Beitrag zur Ausbildung eben dieser Multiplikatoren_innen über das Lehrformat des Service Learnings bieten können. In diesem Zusammenhang wird das Projekt Studium Engagiert an der Technischen Universität Dortmund vorgestellt und analysiert, was das Hochschuldidaktische Konzept des Service Learning hinsichtlich der Entwicklung einer inkludierenden Gesellschaft leisten kann.
Anne Bloom, Beate Domrös und Dominique Illing beschreiben am Beispiel des Studentenwerks Berlin die Praxis der sozialen, gesundheitlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Betreuung aller Studierenden in Berlin. In diesem Rahmen agiert die Beratungsstelle für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung seit 1980. Dazu zählen neben der klassischen Beratung und der Durchführung von Informationsveranstaltungen auch die Vergabepraxen individueller persönlicher und technischer Hilfen. Der vorliegende Beitrag stellt Hintergründe und das aktuelle Tätigkeitsspektrum dieser Einrichtung unter dem Blickwinkel der UN-Behindertenrechtskonvention dar. Es wird aufgezeigt, welche Angebote bereits bestehen und sich bewährt haben und wo noch zukünftiger Handlungsbedarf festzustellen ist.
Ebenfalls einen Bericht aus der bestehenden Beratungspraxis legt Sandra Ohlenforst vor, Leiterin der Kontakt- und Informationsstelle für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung der Universität Würzburg. Der Beitrag beschreibt auf der Basis von Daten, Fakten und rechtlichen Rahmenbedingungen die Arbeit der Kontakt- und Informationsstelle für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung der Universität Würzburg. Das Projekt Promotion-inklusive ist dabei ein erster Schritt, Absolventinnen und Absolventen mit Behinderung im Rahmen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung die Möglichkeit einer Promotion zu bieten.
Birgit Behrisch führt anhand der zentralen Begriffe Heterogenität, Diversität, Inklusion und „Behinderung“ eine Begriffsanalyse in den Curricula frühpädagogischer Studiengänge durch. Der Beitrag fragt anhand einer Analyse von Modulhandbüchern dieses Studienbereichs nach den inhaltlichen Bestimmungen des Begriffs Inklusion, vorrangig über sein Verhältnis zu den Konzeptionen von Heterogenität und Diversität und der Benennung verschiedener Heterogenitätsdimensionen.
Hannah Furian legt einen persönlichen Erfahrungsbericht vor, der Einblick in die heute zu bewältigenden Herausforderungen und Barrieren für Studierende mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen gewährt und deutlich macht, welche individuellen Ressourcen (auch heute noch) aktiviert werden müssen, um ein Studium gelingen zu lassen.
Abschließend entwirft Claus Melter in seinem Essay ein Zukunftspanorama für die Hochschullandschaft und -praxis in Deutschland vor dem Hintergrund einer im Sinne der Realisierung der UN-BRK zu verwirklichenden Inklusionsorientierung.

Als Themenschwerpunkte der folgenden Ausgaben sind bislang geplant:

• Inklusion und sexuelle Orientierung
• Ableism: zur Konstruktion von Behinderung und Befähigung im Bildungswesen (Gastherausgeberschaft)
• Inklusion und kultureller Hintergrund
• Kunst, Kultur und Inklusion (Gastherausgeberschaft)

Carmen Dorrance und Clemens Dannenbeck
für die Redaktion von Inklusion-Online

 

 
Veröffentlicht: 2014-06-08 Weiter…
 

Nr. 1-2 (2014)

Inhaltsverzeichnis

Artikel

Christiane Schindler

Auf dem Weg zu einer inklusiven Hochschule

Peter Zervakis Margrit Mooraj

Der Umgang mit studentischer Heterogenität in Studium und Lehre. Chancen, Herausforderungen, Strategien und gelungene Praxisansätze aus den Hochschulen

Stefanie Busch

Eine Hochschule für Alle – Ausgewählte Ergebnisse der Evaluation der HRK-Empfehlung

Maike Gattermann-Kasper

Nachteilsausgleiche für Studierende mit Beeinträchtigungen bei Lehrveranstaltungen, Prüfungen und Fristen – Ein Überblick

Markus Rebstock Antje Römhild

Entwicklung eines Aktionsplans FH Erfurt – Hochschule der Inklusion

Helen Knauf

Ressourcen und Barrieren für Inklusion an Hochschulen Eine qualitative Untersuchung zu Sichtweisen von Studierenden und Lehrenden an deutschen Hochschulen

Melanie Werner Stefanie Vogt Andrea Platte

Auf dem Weg zu einer inklusiven Fakultät

Saskia Schuppener

Inklusive Schule: Anforderungen an Lehrer_innenbildung und Professionalisierung

Yvonne Kuhnke Jana York

Service Learning – Hochschuldidaktik für eine inklusive Gesellschaft?

Anne Bloom Beate Domrös Dominique Illing

Aspekte der Umsetzung der UN-BRK in der Beratungsstelle des Studentenwerks Berlin:von A wie Absolvent_innengruppe bis S wie Studienassistenz

Sandra Ohlenforst

Inklusion an Hochschulen - Studieren mit Behinderung und chronischer Erkrankung - Daten, Fakten, rechtliche Rahmenbedingungen

Birgit Behrisch

Heterogenität, Inklusion, „Behinderung“. Begriffsanalyse in den Curricula frühpädagogischer Studiengänge

Hannah Furian

Studium mit Behinderung – besonders normal?! Persönlicher Erfahrungsbericht einer ehemaligen Studentin

Claus Melter

Das Märchen von der inklusiven Bildung und Hochschuldidaktik – und was wir zu seiner Verwirklichung tun können



ISSN: 1862-5088