Zeitschrift für Inklusion

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Editorial zum Heftthema Inklusion im kulturellen Kontext

 

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

wir freuen uns, Ihnen hiermit die Ausgabe 3/2015 von Inklusion-Online, der Online-Fachzeitschrift für Inklusion, präsentieren zu können. Im Mittelpunkt dieser Ausgabe stehen Aspekte und Fragen inklusiver Entwicklungen, die sich in kulturell interpretierten und adressierten  gesellschaftlichen und sozialen Kontexten stellen. Besondere Aktualität erhält diese Perspektive vor dem Hintergrund der gegenwärtig virulenten Krise einer Migrationspolitik, die sowohl national als auch auf europäischer Ebene den Herausforderungen, die mit der Zunahme der aktuellen Flüchtlingszahlen einhergehen, nicht länger aus dem Weg gehen kann. Dabei, so steht zu befürchten, gerät ein auf die Integration von Menschen mit Behinderung fokussiertes pädagogisches Verständnis von Inklusion in die Defensive. Schon lassen sich Anzeichen finden, dass Aktivitäten und Initiativen zur Integration von Menschen mit Behinderung und Flüchtlingen mit dem Verweis auf die Begrenztheit der Ressourcen gegeneinander ausgespielt werden. Inklusion im Sinne der UN-BRK hingegen erlaubt eine solche zielgruppenspezifisch unterscheidende Perspektive nicht. Vielmehr geht es um die Integrationsfähigkeit und –bereitschaft der Gesellschaft insgesamt – einer Gesellschaft, die - so hat es den Anschein – ein zunehmend gespaltenes Bild abgibt, das zwischen der Inszenierung einer demonstrativen Willkommenskultur auf der einen und einem zunehmend gewaltbereiten rassistisch und nationalistisch grundierten kulturalistisch argumentierenden Abschottungsgestus auf der anderen Seite changiert.

Die Beiträge zum Schwerpunkt dieser Ausgabe berichten aus laufenden Forschungsaktivitäten, die sich theoretischen und empirischen Zusammenhängen von Migration und Behinderung aus inklusionstheoretischer Sicht widmen.

Donja Amipur illustriert an Beispielen aus ihrer Promotionsstudie die Verwobenheit unterschiedlicher Dimensionen von Benachteiligung. BIslang lässt sich sowohl in wissenschaftlichen Publikationen wie in Fortbildungsprogrammen, die Migration und Behinderung in den Blick nehmen, feststellen, dass darin Religion (genauer der Islam) bzw. die Kategorie ‚Kultur‘ als zentrale Differenzkategorie fungiert. Barrieren für Menschen mit Behinderung werden dabei vornehmlich kulturell (anders) geprägten Familienbildern und –traditionen zugeschrieben und diese in Kontrast gesetzt zu den hierzulande herrschenden Standards der Behindertenhilfe. Ausgehend von diesen Hinweisen hat sich ein Forschungsprojekt an der Uni Bremen mit der Frage befasst, inwiefern eine islamisch geprägte Sozialisation Einfluss auf den Umgang mit Behinderung hierzulande hat. In dem Artikel werden die Ergebnisse aus biografischen Interviews mit muslimischen Familien dargestellt. Dabei zeigt sich, dass eine empirisch feststellbare Zurückhaltung gegenüber etwa dem Bildungssystem keineswegs pauschal auf kulturell oder religiös begründete Akzeptanzdefizite gegenüber Kindern mit Behinderung zurückgeführt werden kann.

Marc Thielen geht in seinem Beitrag von der empirisch kontinuierlich feststellbaren geringeren Ausbildungsbeteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus.
Welche Rolle spielt die natio-ethno-kultureller Differenz in wissenschaftlichen Studien zum Übergang zwischen Schule und Beruf? Es zeigt sich, dass die Thematisierung von Migrationsmerkmalen als eigenständige Benachteiligungsdimension bereits in eine kulturalistische Homogenisierung mündet und den höchst heterogenen Lebenslagen von jungen Menschen mit Migrationshintergrund nicht gerecht zu werden vermag. Wissenschaftliche Diskurse reproduzieren dabei in auffallender Weise gerade diejenigen kulturalistisch verkürzten Argumente, welche Ausbildungsbetriebe bei der Selektion von Jugendlichen mit Migrationshintergrund geltend machen. Der Beitrag plädiert vor diesem Hintergrund für einen Perspektivwechsel: Statt die Ursachen für Bildungsbenachteiligung in vermeintlichen Besonderheiten von migrantischen Jugendlichen zu suchen, sollte sich die Forschung stärker mit der Inklusionsfähigkeit des Systems der beruflichen Bildung befassen und dabei unterschiedliche Benachteiligungsdimensionen in ihrem Zusammenspiel berücksichtigen.

Im Beitrag von Marcus Schütte werden Forschungsergebnisse aus zwei Projekten in sprachlich-kulturell heterogenen Lerngruppen vorgestellt und miteinander verglichen. Zum einen wird hierbei der wechselseitige Bezug zwischen mathematischem und sprachlichem Lernen thematisiert und zum anderen geht es um die Bedingungen institutionenübergreifenden Lernens an sich. Die Ergebnisse beider Projekte münden in einer Rekonstruktion von sprachlichen Bedingungen des Mathematiklernens und sollen eine Basis für die noch zu erbringende Entwicklung ganzheitlicher Förder- und Fortbildungskonzeptionen für Kinder, Erziehende und Lehrpersonen schaffen.

Michael Lichtblau versucht anhand eines Fallbeispiels nachzuzeichnen, wie geringe soziale Integration und fehlende soziale Eingebundenheit zu negativen Konsequenzen für die kindliche (Bildungs-)Entwicklung führen. Im Sinne der Schwerpunkt-setzung dieser Ausgabe wird der Bedeutung kultureller Differenzen für eine erfolgreiche Kooperation zwischen Elternhaus und Bildungseinrichtungen nachgegangen. Eine gelingende Kooperation der unterschiedlichen Mikrosysteme im Übergang vom Kindergarten zur Grundschule ist eine wichtige Voraussetzung zur Förderung einer kontinuierlichen (Lern-)Entwicklung des Kindes und die Basis für einen erfolgreichen Start in der Schule. Wie kann deren Anschlussfähigkeit optimiert werden?. Untersuchungen zeigen, dass die Kooperationsbeziehungen zwischen Kita und Schule und damit verbundene Austauschprozesse zwischen Elternhaus und Bildungseinrichtungen bedeutsame Einflussfaktoren für die kindliche Entwicklung darstellen, deren Gestaltung positive wie negative Entwicklungsverläufe im Übergang nach sich ziehen.

Im Rahmen von frei eingereichten Beiträgen thematisiert zunächst Toni Simon die Suche nach dem Wesen einer Diagnostik zur Unterstützung schulischer Inklusion. Grundlage dieser Auseinandersetzung ist ein Beitrag von Holger Schäfer und Christel Rittmeyer (2015) zum Thema Inklusive Diagnostik.

Franz Kasper Krönig befragt im Anschluss daran Ansätze, die das Inklusionsparadigma zu integrieren versucht (wie z. B. Gender, Anti-Bias, Diversity, Heil- und Sonderpädagogiken) nach deren Bedeutung bezüglich der (Re)Produktion zielgruppen- bzw. differenzlinienbezogener fachlicher Positionen. Vorsicht geboten ist demnach gegenüber einer Vorstellung, dass man sich mit einer so genannten konstruktivistischen Haltung allein schon den Diskriminierungs-, Ungleichheits- und Exklusionsproblemen in angemessener Weise stellen würde. Der Beitrag kritisiert sie integrationslogische Zielgruppenorientierung und Passungsidee und stellt ihr Überlegungen zu einer ‘verstehenden’ Inklusionspädagogik entgegen.

Abschließend zeigt Sven Bärmig theoretische Zusammenhänge zwischen Allgemeiner Pädagogik und Inklusionpädagogik auf, die ihr ungeklärtes Verhältnis zueinander zu beschreiben versuchen. Dies geschieht mit Blick auf eine Kritische Pädagogik und deren Beitrag zu dieser Diskussion.

Als weitere Themenschwerpunkte der folgenden Ausgaben sind bislang geplant:

  • Methodische und methodologische Überlegungen zu Inklusion
  • Inklusion International – Außereuropäischer Schwerpunkt
  • Inklusion International – Europäischer Schwerpunkt

 

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Carmen Dorrance und Clemens Dannenbeck
für die Redaktion von Inklusion-Online

 
Veröffentlicht: 2015-11-12 Weiter…
 

Nr. 3 (2015)

Inhaltsverzeichnis

Artikel

Donja Amirpur

Othering-Prozesse an der Schnittstelle von Migration und Behinderung – „Die muslimische Familie“ im Fokus

Marc Thielen

Migrationsgesellschaftliche Differenz am Übergang in die berufliche Bildung – Anmerkungen zur Thematisierung von natio-ethno-kultureller Zugehörigkeit

Marcus Schütte

Sprachbezogenes Lernen von Mathematik in sprachlich-kulturell heterogenen Lerngruppen - Ein Vergleich der Lernorte Kita und Schule

Michael Lichtblau

„Zuhause liegt der Kern des ganzen Problems!“ – Nicht gelingende Kooperation zwischen Familie und Bildungseinrichtung und deren negativer Einfluss auf die kindliche Entwicklung

Toni Simon

Die Suche nach dem Wesen einer Diagnostik zur Unterstützung schulischer Inklusion.

Franz Kasper Krönig

Mit konstruktivistischer (Ent)Haltung Exklusionsrisiken (v)erkennen. Zur Stellung differenzlinien- und zielgruppenbezogener Fachlichkeiten im Inklusionsdiskurs.

Sven Bärmig

Kritische Erziehungswissenschaft und Inklusionspädagogik?



ISSN: 1862-5088